Was machst du, wenn dein Lieblingsbuch endet?

Was machst du, wenn dein Lieblingsbuch endet?
Am Ende des Semesters beginnt die Zeit, in der ich, als wollte ich ein Klischee bedienen, mit mindestens einem 900 Seiten dicken Buch unter dem Arm durch die Uni laufe. Daran erkennt man sie, die Literaturstudenten. Wenn es also darum geht, bin ich in den offiziellen Kreis aufgenommen.

Es ist eine spannende Zeit, in der sich die Sekundärliteratur zu bestimmten bedeutenden Büchern und Themen auf dem Schreibtisch stapelt und man das Beste aus ihnen herausholt und zusammenfasst. Ganz klar ist es nicht nur Spaß, sondern genauso mit einem enormen Zeitaufwand und intensiver Arbeit verbunden. Letztendlich bin ich ziemlich froh, wenn die Arbeit schließlich mit einem Abgabestempel im Sekretariat landet.
Dann bin ich frei für all die anderen Geschichten. Ich lese gerne und viel – schon ziemlich lange. Deswegen gibt es wenige Nächte, die ich nicht mit einem Buch beginne.
Und da entwickelt sich auch schon der erste Zwiespalt zwischen Studium und Freizeit. Denn seitdem sich mein Studium mehr in eine literaturwissenschaftliche Richtung entwickelt hat, fühlt es sich immer an wie ein Geständnis. Denn ja, ich lese Trivialliteratur. Zumindest in der Betrachtungsweise meiner Dozenten und vieler meiner Mitstudenten. Persönlich halte ich diesen Begriff für sehr plakativ und abstempelnd. Nur, weil nicht Shakespeare oder Kafka draufsteht, heißt das nicht, dass heutige Literatur nicht mit genauso viel Anspruch und Aussagekraft versehen sein kann. Natürlich, um das nicht ganz außer Acht zu lassen, sind manche Gedankenanregungen der heutigen Unterhaltungsliteratur nicht so umfassend und weltbewegend wie in Goethes Werken, aber in einer abgegrenzten kleineren Welt können sie schon einiges bewirken.

Ich denke, wir tauchen auf die gleiche Weise in die Welt von Schillers Die Räuber oder Tolstojs Anna Karenina ein, wie wir es bei der jungen Radiomoderatorin auf der Suche nach ihrem athletischen Traumprinzen tun. Oder wir verlieben uns in die fiktiv erzeugten Straßen von Barcelona, die mit denen des realen Barcelona nicht immer vollkommen übereinstimmen müssen. Wir lesen schließlich keinen Atlas oder ein Geschichtsbuch, sondern eine fiktive Geschichte – dessen sind wir uns bewusst.
Allerdings gibt es auch Wissenschaftler, die ich auf meiner Seite sehe, wie Alex Neill, der im seinem Aufsatz Fiktion und Emotion der Frage nachgeht, wie oder warum wir von etwas mit fiktionalem Charakter bewegt werden; wie man Wünsche und Gefühle wie Furcht und Mitleid auf rationaler Ebene beschreiben kann.
Ein Buch ist viel mehr als nur eine Geschichte. Das ist es, was ich am Lesen so liebe: das Eintauchen in neue Gedankenwelten. Wir tauchen ein in eine Welt, die unserer realen Welt vielleicht vollkommen fremd ist oder die eine andere Perspektive auf die Welt wirft, die uns der Alltag nicht ermöglicht. Die Persönlichkeiten, von denen die Geschichten handeln, sind nicht nur Figuren, die nach dem Belieben des Autors handeln; sie entwickeln sich in unserer Rezeption.
Wir lassen die Charaktere in unsere Herzen und ermöglichen ihnen etwas in uns auslösen, uns sogar manchmal zu verändern. Wir begleiten sie und sie begleiten uns – durch die Erfahrungen, die die Geschichte für sie bereithält und wir sehen, wie sie daran wachsen und geben ihnen einen Platz in unseren Alltag. Man gewinnt fiktive Freunde und auch ihre fiktiven Gegenspieler bekommen Raum in unserer Wahrnehmung und Beurteilung. Wir warten darauf, dass Liebende sich finden, Figuren hinter die Lügen anderer Figuren kommen oder dass der Kommissar einen neuen, spannenden Fall löst. Nicht immer führt das dazu, dass wir die Figuren mögen, aber auch das sind Reaktionen auf eine Handlung, die uns dargestellt wird.

Es sind die kleinen Geschichten, von denen wir uns wünschen, dass sie wahr werden. Sie werden auf eine so einfühlsame Weise erzählt, dass wir gar nicht anders können als in ihnen zu versinken oder uns über sie Gedanken zu machen. Natürlich sind wir uns dabei bewusst, dass diese Geschichten niemals in ihrer vollen Größe real werden wie es die Bücher uns zeigen. Trotzdem wünschen wir uns für die Charaktere, die wir Wort für Wort kennen lernen, deren bestmögliche Geschichte. Und manchmal übertragen wir dieses kleine Glück auch auf unsere Realität – auf die Hoffnung, dass uns nur ein kleiner Bruchteil dessen widerfährt. Diese Geschichten warten darauf gelesen zu werden.
Also, was macht man nun, wenn ein Lieblingsbuch endet? Man erinnert sich immer wieder gerne daran und an die Zeit, in der man es gelesen hat. Für mich hängt das untrennbar miteinander zusammen, denn ich denke auch, dass ein Buch, was man liest, in die persönliche Zeit und Entwicklungsphase hineinpasst.
Danach geht man in den Buchladen und lässt sich auf eine neue Geschichte ein – auf ein neues Lieblingsbuch.

Ich bin auf der Suche; denn ich weiß, es gibt sie, die kleinen Geschichten des Alltags – die schönen, romantischen, auch mal traurigen oder schwierigen. Man muss nur genau hinsehen, dann erkennt man sie.
„Lenke meine Blicke, halt mich wach,
Und dann erzähl mir, was ich heute noch erleben darf,
Komm und überfall mich mit Schlaf,
Hol mich in deinen Traum mit einem lauten Knall“
(Fertig, los! – Gib mir mehr)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s