Der erfundene Autor

Autoren nehmen für mich im Bezug zur Buchmesse eine wichtige Stellung ein, da sie dort die Möglichkeit bekommen durch Lesungen, Autorgrammstunden und persönliche Gespräche  mit den Lesern in Kontakt zu treten; und umgekehrt. Es findet ein Austausch statt von dem beide Seiten profitieren. Aber was, wenn es den Autor, von dem man glaubt, dass er die Bücher schreibt, gar nicht gibt?
Nachdem ich gestern schon meine Rezension zu Nicolas Barreaus Roman „Eines Abends in Paris“ veröffentlicht habe, war es mir wichtig im Folgenden auf diesen einen wichtigen Punkt einzugehen. Außerdem wollte ich die Rezension davon trennen, da ich das Buch sehr mochte und nicht riskieren wollte, dass die Geschichte des Romans aufgrund der äußeren Bedingungen vollkommen untergeht. Auch, wenn es sich nachhaltig meine Sichtweise auf weitere Romane speziell von Nicolas Barreau auswirkt.
Dabei beziehe ich mich auf diesen Artikel:

Den Autor Nicolas Barreau gibt es nicht! Er sei eine bloße Erfindung. Das sagt zumindest der obengenannte Artikel und versucht Erklärungen zu liefern – sehr plausibel, wie ich finde. Im ersten Moment war ich entsetzt. Damit hat der Roman, den ich kurz vorher fertig gelesen hatte, – und von dem ich begeistert war – seinen Zauber verloren.

Ich erinnere mich genau, wie ich gegenüber meiner Schwester ein paar Wochen zuvor geschwärmt habe, dass ich die französische Übersetzung aus den deutschen Worten heraushören könne. Doch es gab nie einen französischen Text. Das finde ich eigentlich noch mit am schlimmsten.
Die Tatsache, dass dieser sprachlich so wohlklingende Autor eine Frau sein soll, wäre nicht tragisch – unter einem Pseudonym zu schreiben ist nicht schlimm. Da findet man sogar unter den Klassikern der Weltliteratur etliche Beispiele. Literatur und der Zauber der Verschleierung gehören manchmal zusammen – wenn das Werk es erfordert.
Beispielsweise stand auf der Originalausgabe des Abenteuerromans „Robinson Crusoe“ als Referenz zum Autor „written by himself“. Natürlich wissen wir alle, dass er aus Daniel Defoes Feder stammt. Oder Karl May, der seine Romane so geschrieben hat, als hätte er selbst all die Abenteuer seiner Hauptfigur erlebt. Er hat die Orte, von denen er geschrieben hat, erst in einem späteren Lebensabschnitt selbst gesehen; vorher hatte er nur ausführlich darüber gelesen. Weiterhin ist mittlerweile bei einigen weiblichen Autorinnen bekannt, dass sie sich männliche Pseudonyme zugelegen mussten, damit sie in ihrer Zeit gelesen wurden. Ob man davor heute noch zu fürchten hätte, im Genre Liebesroman?
Dass, im jetzigen Fall, diesem „Mann“ ein kompletter Lebenslauf mit Bild angefügt und durch die Bücher publiziert wurde, ist allerdings eine extreme Form des Pseudonyms. Zumal wenn die „Übersetzerin“ ebenfalls ein Pseudonym ist, hinter dem sich die Lektorin und eigentliche Autorin aller Nicolas Barreau Romane verbirgt.
Das ist selbst mir ein bisschen viel Illusion, zum kommerziellen Zweck. Die einfache Nennung eines anderen Autorennamnen wäre ausreichend gewesen. Mag sein, dass es von der Seite eines Verlags gute marketingtechnische und kostensparende Gründe für ein solches Vorgehen gibt. Trotzdem denke ich, dass man die Frage nach der Literatur nicht vergessen darf: Was hat das mit dem eigentlichen Gedanken der Literatur zu tun? Mit Literatur, die sich augenscheinlich von einem „Groschenroman“, bei dem der Autor absolut egal ist, abheben will?
All dem ist die Frage übergeordnet: Wie authentisch ist es, wenn man mit falschen Behauptungen Authentizät schaffen möchte?
Für mich leidet hier neben der Authentizität ebenso die Qualitätssicherung. Ein guter Roman, der von einer deutschen Autorin geschrieben wurde, und ein Roman von einem französischen Autor – die beide ihre Handlung in Paris stattfinden lassen – können vollkommen gleichwertig sein. Der eine muss nicht zwangsläufig aufgrund des Autorennamens authentischer sein als der andere.
Als Leser eines Romans möchte man das Recht behalten, zu wissen mit was man es zu tun hat. Mit einem Originaltext oder einer Übersetzung. Denn allein die Tatsache, dass es einem Verlag wert ist einen fremdsprachigen Text übersetzen zu lassen, um ihm damit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, schafft in meinen Augen einen Qualitätsanspruch an den Text. Das bedeutet wiederum nicht, dass die Qualität eines deutschsprachigen Textes damit sofort sinkt.
Ich hätte „Eines Abends in Paris“ definitiv auch gelesen, wenn Daniela Thiele auf dem Cover stehen würde. Genauso gerne, wie wenn Nicolas Barreau ein „echter“ Franzose wäre, da mich der Klappentext des Buches überzeugt hat, nicht die angebliche Herkunft seines Autors. Jedoch wirft ein erfundener Autor einen tiefen Schatten über diesen Roman und alle anderen.

Der Artikel schneidet noch eine weitere, ganz interessante Sache an: Was ist, wenn der literarische Trend im nächsten Jahr zu einem anderen Land hingeht?
Führt das nicht zwangsläufig zu einer in extremer Weise belanglosen Literatur, die nur noch kommerziell unterhält und überhaupt keinen Gehalt mehr hat?
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6 Gedanken zu “Der erfundene Autor

  1. Pingback: Eine zweite Chance nach dem Plagiat? |

  2. Pingback: Fazit: Lesemarathon – Tag 4 | Wer die Wahl hat, hat die Qual | #LBM15home – Aktuelles – zu ende gelesen

  3. Hallo Tobi,

    In dem Artikel allein werden schon 3 Autoren genannt, da stellt man sich wirklich die Frage, bei wie vielen bisherigen Autoren so ein Fall noch zutrifft oder bei wie vielen Autoren es zukünftig so gemacht wird, wenn dieser Marketingtrick anscheinend so gut funktioniert. Man sieht außerdem, dass der Artikel mittlerweile knapp 3 Jahre alt ist und diese „Bekanntgabe“ dem Verkauf von Nicolas Barreaus Bücher bisher nicht geschadet hat.

    Liebe Grüße,
    Lauretta

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  4. Danke für deinen Kommentar!
    Da gebe ich dir natürlich in gewisser Weise recht. Aber die Angleichung an den aktuellen Trend und den Geschmack der Leser ist gar nicht so sehr das Problem, das ich mit dem erfunden Autor habe. Das ist für mich sehr verständlich und nachvollziehbar, dass das so gemacht wird. So ein Vorgehen ist eigentlich branchenunabhängig, weil man hingucken kann, wo man will, man wird fündig. Über den Ausmaß des Ganzen lässt sich natürlich streiten! Grundsätzlich wäre es eigentlich unklug sich einem Trend zu verweigern. 😉 Ob eine weitere Dystopie großflächigen Erfolg hat, hängt – neben einem guten Marketing – davon ab, wie groß das Leserinteresse noch ist und wie viel Eigenes im Roman steckt.
    Das Problem, das ich mit dem erfunden Autor habe, ist eigentlich die extreme Auslegung eines Trends, die sich auf den Autor niederschlägt und ihn genauso belanglos macht wie den Text, den man liest. Es ist nicht mehr gewährleistet, das hinter dem Text ein Mensch steht, der mit Literatur etwas ausdrücken und vermitteln will, sondern im Gegensatz dazu nur eine ganze Reihe an Romanen produziert, die nichts sagend sind. Sicher, dieses Argument kann man bei der 40. Dystopie im gleichen Stil ebenfalls anbringen, aber solange der Autor selbst noch hinter seinem Buch und seinen Ideen steht und sich der Wertung seines Publikums stellt, ist das etwas anders. Finde ich.

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  5. Die letzte Frage, die du bzw. der Artikel stellt, lässt sich ja schon in sofern beantworten: Das gibt es ja in gewisser Weise schon. Wieviele Vampir-Bücher sind nach den Biss-Büchern aus dem Boden gesprossen? Wieviele Dystopien kommen auf den Markt, seit Panem? Ich will damit nicht sagen, dass all die Romane belanglos sind, aber der kommerzielle Effekt ist, meines Erachtens nach, gerade bei den Jugendbüchern und der leichten Frauenliteratur spürbar. So oft wird eine Fortsetzung produziert, die es nicht gebraucht hätte, weil der erste Band so erfolgreich war. Titel und Cover sehen sich immer ähnlicher, um vom Erfolg des einen etwas abzubekommen.
    Ob da nur der Kampf der Verlage um ihre Existenz dahinter steckt, weiß man nicht. Dass es offenbar aber eine funktionierende Masche ist, die das nötige Geld einbringt, kann man sehen.
    Ich bin gespannt, wie sich das alles weiterentwickelt.

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  6. Hallo Lauretta,

    ich habe zu dem ja schon in meinem Blog geschrieben. Bin mir nicht so sicher, irgendwie bin ich schon hin- und hergerissen. Einerseits kann ich es verstehen, dass Verlage hier mit allen Marketintricks arbeiten und auch irgendwie ihre Umsätze generieren wollen, trotzdem finde ich diese Vorgehensweise fragwürdig. Aber irgendwie ist einem die Authentizität wichtig und was mich stört ist die Frage, ob nicht eine viel größere Menge an Bücher auch von anderen Autoren stammen, als auf dem Cover gedruckt steht. Pseudonym ist ja ok, aber einen komplett neuen, dem Leser besonders gefälligen Urheber zu ersinnen, das ist schon irgendwie grenzwertig.

    Viele Grüße
    Tobi

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