Du kennst doch Harry Potter?

Nachdem Henrik diesen wundervollen Beitrag über Harry Potter geschrieben hat, habe ich mich auf eine eigene kleine Reise in die Vergangenheit begeben, um ebenfalls von meiner Beziehung zu dieser Buchreihe zu erzählen.

Der Beginn

Ich gehöre zu einer Generation, die nachts die Fenster aufließ, um es den Eulen leichter zu machen in mein Zimmer zu finden. Und ich weiß noch sehr genau, wie ich schließlich den Brief aus Hogwarts bekam…
Naja, der Brief kam nicht ganz aus Hogwarts und wurde auch nicht von einer Eule übergeben, sondern war lediglich eines Nachmittags in mein E-Mail-Postfach geflattert. Aber selbst das war bedeutend, in einer Zeit, in der man noch nicht täglich hunderte E-Mails bekam. Wichtig war, dass er kam… Meine beste Freundin hatte den gesamten Brief abgetippt und ich las – obwohl mir der Inhalt natürlich bekannt war – wie gebannt jede einzelne Zeile, als wäre sie nur für mich bestimmt.

Ich kann (leider) wirklich nicht behaupten ein Harry Potter Fan der ersten Stunde gewesen zu sein. Ganz im Gegenteil, denn ich wollte diese Reihe eigentlich niemals lesen. Ein Buch, das auf einmal alle lasen? Nicht mit mir, dachte ich! Bei Buchtrends war ich schon immer vorsichtig und bin sogar heute noch stets skeptisch. Im Nachhinein bin ich ziemlich froh, dass meine Schwester eines Abends, nach einer längeren Shoppingtour, mit den ersten vier Bänden und den Worten „Das klingt doch super.“ nach Hause kam. Da die Bücher nun schon mal da waren, wäre es ja vielleicht möglich einen kleinen Blick zu riskieren? Schon nach der ersten Seite war klar, dass ich dieses Buch nicht mehr weglegen konnte. Dafür war die Sprache viel zu einnehmend, die Charaktere viel zu sympathisch und ich viel zu neugierig. Das war der Anfang für die Zeit in der magische Wesen zum Leben erweckt wurden, Zaubertränke, Zaubersprüche und Quidditch ihren Platz in meinem alltäglichen Sprachgebrauch fanden.

Danach verbrachte ich Abend für Abend in der Zauberwelt mit Harry und seinen Freunden. Es gab Nächte, die ich durchgelesen oder krampfhaft versucht habe, die Augen offen zu halten, um noch ein bisschen weiterlesen zu können. Nicht nur einmal passiert es, dass mir das Buch ins Gesicht viel, weil ich über den Seiten eingeschlafen war.
Die Welt um mich herum verschwand, ich war in Hogwarts. Und es fühlte sich richtig an.

Es ist nicht so, dass meine persönliche „Lesegeschichte“ mit Harry Potter begonnen hat, denn schon davor habe ich Bücher gelesen, die mich in ihren Bann gezogen haben. Trotzdem hat Harry Potter seinen Teil dazu beigetragen, welchen Stellenwert das Lesen heute in meinem Leben hat und mir rückblickend gezeigt, dass es auf die kleinen Feinheiten einer Geschichte ankommt, die man nicht vergisst und die Teil des eigenen Lebens werden. Ich denke, da sucht sich jeder etwas Eigenes heraus

Harry Potter hinterlässt seine Spuren

adf27-img_5484

Es war eine ganz neue Art das Lesen zu empfinden. Ich war Teil dieses großen Ganzen, das viel weitere Kreise zog, als man erwartet hatte. Noch nie hatte ich es erlebt, dass sich so viele Leute in meiner Umgebung mit demselben Buch beschäftigten. Natürlich hatte man sich vorher schon über die Kindergeschichten von Astrid Lindgren, Enid Blyton oder Michael Ende ausgetauscht. Aber das waren meistens Bücher, die es schon vor uns gab. Auf einmal war da eine neue siebenteilige Buchreihe geplant, bei deren Entstehung man mit dabei war. Man musste auf die Folgebände warten, denn diese Geschichte wurde erst noch geschrieben. Ich erinnere mich noch, wie viele Jugendliche nachts vor den  Buchläden stundenlang standen, natürlich stilecht in der passenden Verkleidung eines ihrer Lieblingscharaktere, und warteten, damit sie als Erste den neusten Band in ihren Händen halten konnten. Und da waren die Erwachsenen, die sich andere Schutzumschläge geben ließen, damit man nicht sah, dass sie Harry Potter lasen, weil auch sie sich genauso in dieser Geschichte verlieren konnten.

J. K. Rowling hatte mit jedem Buch neue, spannende Wendungen und Überraschungen, vor allem aber liebenswürdige Charaktere für uns. Dieses Phänomen, wie sich die Geschichte vor dem inneren Auge konstruiert, begeisterte mich. Es sind viele Handlungsstränge und jede einzelne Figur bekommt den Raum und die Entwicklung, die sie verdient. Das war bemerkenswert, denn Harry und seine Geschichte stehen zwar im Mittelpunkt, trotzdem erfährt man vieles über die anderen Charaktere, die ihm gegenüber oder zur Seite stehen. Damit gewinnt die Geschichte viel mehr Tiefe, denn am Ende wird niemand vergessen. Sie zieht ihren Lesern förmlich in eine neue Welt; eine Welt, die bald nicht mehr fremd war, in der man sich wohlfühlt, trotz aller Gefahren, die in ihr lauern. In der man stets an das Gute glaubt. Eine Welt, in der die Magie funktioniert, die wir uns manchmal wünschen.
Mit Hermine, Ron und Harry als Kernfiguren haben wir vieles erlebt und ihnen immer zur Seite gestanden. Darüber hinaus haben sie uns vieles beigebracht: Was Erwachsen werden alles mit sich bringen kann, dass man immer Vertrauen in sich selbst haben sollte und vor allem was Freundschaft wirklich bedeutet. Sie waren nicht immer einer Meinung, doch im richtigen Moment, wenn es drauf ankam, haben sie mit Mut, Einfallsreichtum, Intelligenz, Liebe und dem Vertrauen aufeinander bewiesen, dass man alles schaffen kann. Sie gingen diesen Weg, um eine ganze Zaubergemeinschaft zu retten, der nicht ohne Verluste bestritten werden konnte. So mussten wir von vielen tollen Charakteren im Laufe der Jahre Abschied nehmen.
Und schließlich kamen doch alle noch einmal zu uns zurück, als wir mit Popcorn in den Kinos saßen, um Harry Potter und die, die unsere Lieblingsfiguren darstellten, ein weiteres Mal aufwachsen zu sehen.

Heute

„Sitze gerade im Zug nach Hause. Crabbe und Goyle sind eingestiegen. Kein Scheiß… Und ich frage mich noch: Wo ist Draco?“ (Eine SMS von Annie)

Die Charaktere sind wie Freunde, mit denen man zusammen erwachsen wurde. Auch wenn man sich nicht immer sieht, sind sie trotzdem da und man denkt noch hin und wieder an die gemeinsame Zeit zurück.
Die Erstveröffentlichung des ersten Bandes auf Englisch ist nun 18 Jahre her. Eine erschreckende und beeindruckende Zahl zugleich. Obwohl es für einen selbst schon so lange her ist, sind die Bücher immer noch wichtig, Es fühlt es sich an als wäre kein einziger Tag vergangen, seitdem man die Bücher zu Ende gelesen hat. Harry Potter und seine Geschichte ist immer noch präsent in unseren Köpfen und im Grunde vergeht fast kein einizger Tag, an dem eines meiner Gespräch nicht irgendwann zu einem Gebiet der Zauberwelt gelenkt wird.

Ich kann die besonderen Momente mit Harry Potter gar nicht mehr zählen. Wäre es nach dem sprechenden Hut meiner besten Freundin gegangen, hätte ich das Zaubern im Hause Hufflepuff erlernt. Am einprägsamsten war jedoch diese eine Zugfahrt, die uns aus der Stadt, die in dichten Nebel getaucht war, nach Hause bringen sollte. Doch in dieser Dreiviertelstunde machten wir eine zauberhafte Reise durch unsere eigene Fanatasie, die mit einem kleinen Jungen, der eigentlich gar nichts dafür konnte, und der Frage „Du kennst doch Harry Potter?“ begonnen hatte. Das Gleis, an dem wir standen, wurde plötzlich zu „4 A/2“ und unsere Uni zu einer Zauberuniversität, nur für auserwählte Menschen sichtbar. Unsere kleine Geschichte war gesprägt von Zaubersprüchen, langen Umhängen und Drachen.

35a8f-fullsizerender

Die Bücher oder Filme noch einmal zu lesen oder zu sehen – oder alleine darüber zu reden – ist wie ein zweites Zuhause. Nach Hause kommen nach einer gewissen Zeit.  Ich hoffe, dass noch viele Genereationen genauso von diesen Büchern begeistert werden.
Diese Buchreihe ist mehr als bloß eine Geschichte. Es ist mehr als nur ein Roman, den man früher gelesen und mit der Zeit wieder vergessen hat. Nicht nur die Gesichte eines Jungen, der seine Eltern verloren hat und sich nun in einem Kampf seinem größten Feind stellt. Es ist die Geschichte von uns allen. Damit verbunden ist eine Entwicklung und eine Lebenseinstellung. Die Bereitschaft sich auf fantastische Dinge einzulassen und die Welt ein kleines bisschen anders zu sehen. Harry Potter und all seine Weggefährten haben die Magie in unsere Herzen gebracht und die Idee in unsere Köpfe, dass jeder von uns ein kleiner Zauberer sein kann.

Das alles war Harry Potter für uns und wird es immer bleiben. Es ist keine andere Welt, es ist unsere.

„Nach all dieser Zeit?“
„Immer.“
(Snape zu Dumbledore, 7. Band, Die Heiligtümer des Todes, J. K. Rowling)


Schaut euch unbedingt den Beitrag von Henrik auf zu ende gelesen an! Es lohnt sich so sehr ihn zu lesen; ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, weil es mich so berührt.

Advertisements

7 Gedanken zu “Du kennst doch Harry Potter?

  1. Pingback: Mein langer Moment mit Harry Potter – Aktuelles – zu ende gelesen

  2. Pingback: Kyra Groh: Pinguine lieben nur einmal | Mehr als nur Geschichten

  3. Hallo Nina,

    die Bücher wurden in den Filmen wirklich sehr gut umgesetzt. Ich glaube, dass es in den späteren Filmen ein paar Abweichungen und Auslassungen gibt, da könntest du dann also noch ein bisschen mehr für dich entdecken. 🙂

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    Gefällt mir

  4. Huhu liebe Lauretta! 🙂

    Ich gehöre leider zu der viel zu jungen Generation, die nur noch die Filme mitbekam. Mit diesen bin ich aber sozusagen mitgewachsen. Mittlerweile kann ich sogar manche Szenen auswendig mitsprechen und heule immer noch Wasserfälle, wenn Sirius Black zum fünfhundertsten mal den Löffel abgibt. Um alles verpasste endlich nachzuholen habe ich mir anfang des Jahres den gesamten HP Special Edition Schuber im Original besorgt. Band 1 habe ich auch schon gelesen, war allerdings ein wenig enttäuscht. Warum? Ich ging davon aus noch ein wenig mehr zu erfahren, als ich nicht ohnehin schon wusste. Mehr Magie, mehr Zaubersprüche, einfach mehr Hogwarts! Die Filme wurden aber einfach zu gut auf die Leinwand gebracht xD Natürlich werde ich aber die Hoffnung nicht aufgeben und weiterlesen. Schon allein um nocheinmal in diese Welt einzutauchen und den tollen Schreibstil der Autorin zu genießen. 🙂 Und ganz klar werden auch meine Kinder einmal Harry Potter zu lesen bekommen. Schließlich will ich ihnen da nichts vorenthalten. 😉

    Liebste Grüße
    Nina ♥♥♥

    Gefällt mir

  5. Hallo Nelly!

    Ich fand es auch immer toll, dass Harry und seine Freunde in meinem Alter waren, als ich es gelesen habe. Freut mich, dass es dir da genauso ging wie mir.
    Ich war immer sehr fasziniert davon, wie alles am Ende zusammen gelaufen ist.

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    Gefällt mir

  6. Hallöchen, ein wirklich schöner Beitrag! Ich hatte unglaublich viel Spaß beim Lesen und auch ich bin keine „Leserin der ersten Stunde“, wie du es so nett beschrieben hast.
    Ich hab erst angefangen zu lesen, als der dritte Teil bereits veröffentlicht war. Aber dann war ich ein Fan, ein Vollblut-Fan. Und ganz toll fand ich, dass HP eigentlich immer gleich alt war wie ich, daher hatte ich immer das Gefühl, ich würde gemeinsam mit ihm aufwachsen und erwachsen werden.
    J.K. Rowling hat wirklich eine unglaubliche tolle Welt erschaffen, die einen einfach gefangen nimmt….

    Liebste Grüße, Nelly

    Gefällt mir

  7. Ich war auch nicht Potter Fan der ersten Stunde muss ich gestehen. Meine Großeltern gaben mir den vierten zum Lesen und ich fand es sterbenslangweilig. Und dann, dann kamen die Filme. Nach dem Zweiten war es um mich geschehen und ich las alle bis dahin erschienenen Bücher an einem Wochenende. Ich finde auch nach wie vor, dass die Bücher recht langweilig geschrieben sind und es viel mehr um das jeweilige Rätsel und dem riesigen Puzzle welches J.K. gebaut hat. Ich fand die Auflösung auch immer recht gewitzt und ausgeklügelt. Man merkt, dass J.K. alte Geschichte und Antique studiert hat. Film-technisch mag ich die ersten beiden da sie vom Aufbau und der Machart gleich sind. Danach ist mir die Filmreihe zu durchwachsen.

    Caz | Style Lingua

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s