Verblassende Erinnerung

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Es ist eine warme Sommernacht Anfang August. Wir sitzen im Auto und sind auf dem Weg zum Bahnhof, an dem bald der Zug eintreffen wird, der meine beste Freundin den Rest des Weges nach Hause bringt. Den ganzen Tag über war es ziemlich heiß, doch die Klimaanlage bläst mir kalte Luft um die Beine, so dass es mir in der kurzen Hose fast zu kalt wird.

Deswegen schalte ich die Temperatur um ein paar Grad nach oben. Fährt man mit dem Auto durch die Nacht, ist die Atmosphäre ganz anders als tagsüber. Über der gesamten Umgebung liegt eine Stille und Gemütlichkeit, die sich überträgt. Kaum ein Mensch ist hier unterwegs. Einzig die Geräusche des Motors, die mir so viel lauter vorkommen als noch vor ein paar Stunden, durchdringen die Ruhe. Dieser Einklang der Natur bildet einen Kontrast zu dem Platz, von dem wir uns wegbewegen. Dort war alles laut und bunt; Gelächter, Stimmen und Musikfetzen verbreiteten durch die Luft und bildeten ein Gemisch, so dass man es kaum greifen konnte. Wir haben alte und neue Freunde getroffen. Es waren Momente, in denen wir uns dort verloren haben, weil nichts anderes zählte. Jetzt traut man sich kaum weitere Geräusche zu verursachen, weil man dadurch die Idylle stören und alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen könnte. Doch das Interesse des Moments gilt nicht uns.

Auf unserem Weg über die leere Landstraße erzählen wir uns die Geschichten des Abends und einige andere aus vergangenen Tagen. Sie fügen sich in ein Gesamtkonstrukt, verknüpfen und ergänzen sich. Sie bilden eine Abfolge von Bildern und Erlebnissen, die zusammen einen Verlauf ergeben – ein Leben. Meine schönsten und schlimmsten Erinnerungen habe ich in solchen Nächten zusammen mit der Person, die jetzt neben mir sitzt, geteilt. Ich bin mittlerweile gewohnt, dass sie da ist. Bei ihr muss ich nicht mehr fragen, weil ich mir sicher sein kann.

Ich möchte auf keine dieser Momente aus meiner Vergangenheit verzichten, ob sie mir gefallen oder nicht. Oft, um einen möglichst bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wurden sie mit einem bunten Feuerwerk für uns abgeschlossen. So viele Geschichten, so viele Erinnerungen. Und das waren noch lange nicht alle, denn die Zeit ist noch nicht vorbei. Manchmal mache ich mir Sorgen, um diese Erinnerungen. Darum, dass sie irgendwann weniger wichtig werden, obwohl sie mir heute so bedeutsam vorkommen. Dass sich unsere Sichtweise mit der Zeit verändert und wir sie anders erzählen. Oder, dass von ihnen nur noch schleierhafte Bruchstücke übrig bleiben. Das wäre nicht mal so schlimm; nur, wenn wir gar nicht mehr darüber sprechen. Dann sind sie irgendwie weg, als wären sie niemals da gewesen. Auch wenn sie im Nebel der Zeit verschwinden, sind sie doch trotzdem passiert. Sie machen uns und unser Leben aus und geben ihm eine Bedeutung. Aber wer soll sie weitergeben, wenn wir sie vergessen haben? Es bleiben nur die, mit denen wir sie geteilt haben.
Erzählt man sich deswegen oft diese Anekdoten, damit sie zumindest zu einem Bruchteil in unseren Erinnerungen verankert bleiben? Zwingen wir unser Gedächtnis dazu, dass es uns die bedeutsamen Stationen unseres Lebens nicht vergessen lässt, damit wir relevant bleiben?
Doch einer Sache bin ich mir sicher. Egal, wie viele Geschichten sie besser erzählen kann als ich, weil ich mich nicht mehr ganz an jede Einzelheit erinnere oder sie, ihrer Meinung nach, nicht exakt genug erzähle, ich werde dieses Gefühl, nicht alleine zu sein, nie vergessen. Weil da jemand ist, dem ich vertraue. Das wird sich nicht ändern.

So verlassen wir den Ort, an dem wir die letzten Stunden verbracht haben. Vielleicht kommen wir nie wieder her. Aber wir nehmen diese neuen Erinnerungen mit, die wir den Geschichten, die wir schon erzählen, hinzufügen. Ganz egal, wo sie uns hintragen werden; auch, wenn sie nicht für immer bleiben.
Und aus dem Radio klingt leise Musik…

„Es ist okay, wenn ich mich gerade mal verlier‘ 
In dieser Stadt, in dieser Nacht, im Jetzt und Hier 
In deiner Welt, in deinen Straßen und in dir, oh my dear“
(The Love Bülow – My Dear)

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