Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

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Titel: Der Schatten des Windes
Autor: Carlos Ruiz Zafón
Originaltitel: La sombra del viento (Planeta, 2001)
Übersetzer: Peter Schwaar
Sprache: Deutsch
Seiten: 527 (Hardcover)
Verlag: Insel Verlag (2003)
ISBN: 3-458-17170-3
Link zum Buch vom Fischer Verlag (dort erschienen im März 2003 mit der ISBN: 978-3-596-19615-9)

Das Zimmer der Bücher

„Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitnahm.“ (S. 7)

Es wäre mein ganz persönlicher Platz. Von außen sähe es aus wie ein ganz normaler Raum, durch eine wahrscheinlich holzfarbene Tür vor neugierigen Augen, die trotzdem unachtsam daran vorbeilaufen, verborgen. Nichts würde andeuten, welche Schätze dort verborgen lägen. Für manche Menschen sind sie das auch nicht, weil sie die Magie nicht spüren können. Aber für Wissende würde diese Tür eine eigene Welt voller gelesener Seiten und daran geknüpfte Erinnerungen öffnen. Fein säuberlich wären sie aufgereiht, nach dem Jahr ihrer Erscheinung oder dem Jahr, in dem sie von mir gelesen wurden. Eine andere Sortierung gäbe es nicht, denn jedes einzelne Buch hätte dadurch die schönstmögliche Umgebung bekommen. Angefangen mit den Kinderbüchern bis heute und es wäre noch Platz für viele weitere, die in der Zukunft noch dazu kommen werden. Zudem stünde ein Regal in der Nähe des Fensters, in dem sich alle noch ungelesenen Bücher befänden, die nur darauf warten, bald ihre Position in eines der anderen Regale verlagern zu können. Es wäre mein Lieblingsplatz im Haus, in dem ich mich zurückziehen könnte.
Irgendwo in einer dieser Reihen steht er, der vielleicht größte Schatz: Der Schatten des Windes. Der Roman, der es schafft ein magisches Barcelona heraufzubeschwören, dessen geheime Ecken man erkunden möchte. Ein Ort, an dem ich immer wieder neue Geschichten finde. Alles ist eingehüllt in den Zauber einer Stadt, einer Geschichte und ebenfalls ein bisschen in den eines Autors. Da steht er, bereit von jemandem gelesen zu werden, der die Geschichte neu aufblühen lässt und weiterträgt. Ein Zusammenspiel von Handlung und Charakteren, die mir so viel bedeuten und die ich wohl niemals vergessen werde.
Schon als ich diesen Roman vor 11 Jahren zum ersten Mal las, war ich gebannt von Zafóns eigener, außergewöhnlicher Art literarische Räume mit Worten, Bildern und Eindrücken zu füllen. Durch seine Fähigkeit werden geschriebenen Worte zu lebendigen Bildern, die so echt wirken, als sähe man sie direkt vor sich. Mit ihm schleicht man durch die nebelverhangenen Wege des Geschehens und steht direkt neben den Protagonisten, während sie ihre Abenteuer erleben.

„Jedes einzelne Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben.“ (S.10)

Jedes Mal beim Lesen führt mich dieser Roman auf den Pfad der Bücher. Was könnte mir ein altes, gut erhaltenes Buch oder eines meiner im Keller verstauten Bücher über mich oder die Menschen, die es gelesen haben, erzählen?
Und welche Spuren ein Autor in seinem Roman hinterlässt, ist wohl eine viel gestellte Frage in der Literaturwissenschaft.
Ich stelle mir gerne vor, wie sich meine Geheimnisse zwischen diesen Seiten verstecken und ein unsichtbares Band die Erzählung des Autors mit meinen Gedanken verknüpft. Sodass das Buch zu einer rätselhaften Stelle wird, die mehr mitzuteilen hat, als nur die aufgeschriebene Geschichte.
Auch der Schatten des Windes selbst verbildlicht diese spannende Beziehung, dass jeder Schreiber immer mit mindestens einem Leser untrennbar verbunden ist. Der Protagonist Daniel wird auf die Suche nach dem fiktiven Romanautor Julián Carax nicht nur erwachsen, sondern findet sich ebenfalls immer mehr im Lebenslauf des gesuchten Schattens wieder.

Sobald dieses unscheinbare, rote Buch ohne Schutzumschlag auf meinen Knien ruht, während ich es lese, habe ich oft das Gefühl, dass dieses Buch selbst seinen Weg zu mir gefunden hat. Es fühlt sich nicht an wie ein Buch, das ich nur zufällig aus dem Buchladen mitgenommen habe, weil mir der Klappentext gefallen hat. Vielleicht ist es diese eine Geschichte, die für mich bestimmt ist.

Seit jener weit zurückliegenden Nacht des Jahres 2004 habe ich viele Bücher gelesen, aber mein erster Zafón ist weiterhin mein Lieblingsroman. Heute mit fast dreißig Jahren, glaube ich kaum, dass ich meine Meinung noch ändere.
(frei zitiert und umgeschrieben nach S. 523)

Dieses Buch habe ich mit Henrik zusammen gelesen. Seine Meinung zu dem Buch findet ihr auf seinem Blog zu ende gelesen!

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4 Gedanken zu “Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

  1. Pingback: Kehrwoche 2016 | Tag 4 | Mehr als nur Geschichten

  2. Pingback: Menschen, die ich gerne treffen würde #1 – Literatur | Mehr als nur Geschichten

  3. Hallo Lauretta,

    endlich kann ich bedenkenlos Kommentieren und Gefällt mir drücken.

    Ich freue mich, dass du deinen neuen Blog und seine Möglichkeiten nutzen möchtest.

    Zu der Rezension hab ich nur eines zu sagen: Ich liebe es, die du dem Buch noch mal deine persönliche Note verliehen hast. Ich mag es sehr, dass es wirklich sehr persönlich ist. Und es nicht zufällig Worte geschenkt bekommen hat, sondern bewusst deine.

    Es war mir eine große Freude, dieses Buch mit dir zu lesen. ❤

    Liebe Grüße
    Henrik

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank für deine lieben Worte! 🙂 Ich bin auch sehr froh, dass du mich so schnell überzeugen konntest.
      Ich könnte mir übrigens sehr gut vorstellen, dass dir der zweite Band von Zafón ein bisschen besser gefällt. Weil es zum einem aus der Perspektive eines Schriftstellers geschrieben ist und der Grad zwischen Wahrheit und Wahnsinn sehr fließend ist. Also man weiß nie, was real und was Einbildung ist. Ich glaube, der Spannungsbogen ist da weitaus größer als bei „Der Schatten des Windes“. Das ist mir, während ich diesen Beitrag geschrieben habe, wieder eingefallen.
      Na? 🙂

      Gefällt mir

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