Rowan Coleman: Zwanzig Zeilen Liebe

»Wow«, sage ich, atemlos vor Glück. »Ben. Das ist er. Das ist der Tag, an dem alles beginnt.« Und irgendwie weiß ich, ganz gleich, was als Nächstes passiert, es wird wunderbar sein. (S. 397)

Zwanzig Zeilen für Hope

Liebe Hope,

in einem Leben mit der Krankheit Mukoviszidose gibt es keine Auszeit. Es ist keine Wohnung, die man abschließen und ein paar Tage verlassen kann, um Urlaub zu machen. Man nimmt es immer mit. Nichts ist naheliegender, als sich zu wünschen, „normal“ zu sein. Aber sind wir mal ehrlich, was ist denn schon normal? Normalität ist nicht das, was andere uns vorgeben. Die Medikamente, die Atemübungen, die Vorsicht und die Angst – das ist ein Teil deines Lebens und normal für dich. Bis auf den Zwischenfall, wegen dem du zur Genesung im Hospiz gelandet bist, hat es bisher doch ganz gut funktioniert.

 

Am Anfang hast du über den Zusammenhang zwischen Leben und Tod gesagt, dass du am liebsten unsichtbar wärst, denn solange das Leben dich nicht sieht, sähe der Tod dich ebenfalls nicht. Doch gerade du bist es wert, vom Leben gesehen zu werden. Du hast der Welt so viel zu geben und zu sagen, du musst es dir nur zutrauen. Durch all deine Erfahrungen hast du erkannt, dass sich ein gewisses Risiko lohnt. Dass man durch das Leben die Kraft bekommt, dem Tod zu sagen, man hat leider keine Zeit für ihn, weil man noch lange nicht fertig ist, genügend Momente des Lebens auszukosten.

Damit du das nicht vergisst, hast du Ben an deiner Seite. Es geht nicht darum, ob er dein Mittelpunkt ist oder du seiner. Am Ende seid ihr füreinander der Mittelpunkt, gemeinsam. Trau dich einfach, ihn festzuhalten, denn die Entscheidung, dich zu lieben, hat er getroffen.

Deine Hoffnung ist es, die sich durch eine ganze Geschichte trägt, weswegen dein Name perfekt zu dir passt – selbst wenn du nicht dieser Meinung bist. Du hinterlässt die Hoffnung auf ein Leben, das trotzdem alle Möglichkeiten hat.

Erlebe so viel, du kannst. Genieße dein Leben mit allem, was dazugehört!
Lauretta


Just one last word
One last moment
To ask you why, you left me here behind
(Michael Schulte – You said you’d grow old with me)

Jedes Buch, das ich lese, hinterlässt eine Spur in meinem Herzen. Einige davon sind länger als andere. Eine Geschichte wie diese kann nicht in zwanzig Zeilen erzählt werden, auf ein Leben kann nicht in zwanzig Sekunden zurückgeblickt werden und zwanzig Schritten reichen nicht aus, um sie mit besonderen Menschen zu gehen. Aber man kann es versuchen. Und wie die Abschiedbriefe zwischen den einzelnen Kapiteln beweisen, gelingt es Situationen zwischen zwei Menschen zu erzählen, die das Leben feiern, obwohl sie gleichzeitig einen Abschied betrauern. Dadurch kann die Traurigkeit für einen kurzen Moment durch ein zaghaftes, ernstgemeintes Lächeln ersetzt werden.

Der Tod ist zwar ein Hauptthema dieses Romans, allerdings geht es viel mehr um das Leben. Speziell das Leben, das man lebt, wenn man sich dem Tod bewusst ist. Dass man damit auf verschiedene Weise umgehen kann, zeigen die drei unterschiedlichen Hauptcharaktere, die im Hospiz einen gemeinsamen Anlaufpunkt finden. Stella ist dort nachts Krankenschwester und kümmert sich rührend um die Menschen, die ihr anvertraut werden. Hope ist chronisch krank und versucht nach einer längeren, aber überstandenen Infektion wieder am Leben teilzunehmen. Hugh landet mehr oder weniger zufällig, aber doch aus gutem Grund im Hospiz. Obwohl jeder für sich mit ganz eigenen Monstern zu kämpfen hat, nehmen sie alle auf ihre Weise Abschied von Menschen, die sie kannten, und den Leben, die sie führten. Damit sind unweigerliche Fragen verbunden: Kostet man das Leben aus oder hat man Angst davor? Traut man sich emotionale Beziehungen aufzubauen, obwohl man nie weiß, wann und durch welche Umstände sie enden können? Ob man nun Stella, Hugh oder Hope auf ihrem Weg durch die Geschichte folgt, enden sie alle an der Stelle, an der sie diese Fragen beantworten müssen. Obwohl jeder für sich in einer anderen Situation steckt, kommen sie doch zur gleichen Antwort.

Es ist ein Buch, das einfach geschrieben werden musste.

 

P1080016Titel: Zwanzig Zeilen Liebe
Autor: Rowan Coleman
Originaltitel: We Are All Made Of Stars
Übersetzer: Marieke Heimburger
Sprache: Deutsch
Seiten: 416 (Kartoniert)
Verlag: Piper (August 2015)
ISBN: 978-3-492-06017-2
Link zum Buch

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4 Gedanken zu “Rowan Coleman: Zwanzig Zeilen Liebe

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