Gewinnen und vermissen

 

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All die Jahre, wo sind die nur hingekommen.
All die Tage, an denen wir immer gute Freunde waren.
Ich hab gedacht es wär so, die ganze Zeit.
Ich hab die Welt geliebt und dich noch mehr.

Philipp Poisel – All die Jahre

Eigentlich fehlt mir überhaupt nichts. Ich habe großartige Freunde, die immer da sind, und trotzdem vermisse ich manchmal Menschen, die ich irgendwann mal gekannt habe. Irgendwann klingt, als wäre es eine Ewigkeit her. Doch dafür bin ich nicht alt genug und es handelt sich nur um ein paar Jahre. Trotzdem sind sie auf meinem Weg verloren gegangen, ohne dass ich es direkt wollte.
Aus guten Freunden wurden Fremde, die sich nicht mehr viel zu sagen haben. Außer einem unverfänglichen Gruß zu Weihnachten oder zum Geburtstag besteht kaum noch Kontakt. Dabei hat man sich ziemlich lange vorgestellt, dass man noch mit achtzig Jahren im Schaukelstuhl nebeneinander sitzt, um über den Rest der Welt zu lästern. Doch von diesem vertrauten Gefühl ist nichts mehr geblieben. Ich habe mit diesen Menschen ein paar der besten Jahre geteilt, aber eines Tages haben sie angefangen zu verblassen. Stück für Stück haben wir uns auseinander gelebt, ohne es wirklich zu realisieren oder etwas dagegen zu unternehmen. Und schließlich ist der Abstand so groß, dass man sich kaum noch sehen kann. Doch wir sind immer noch da, leben nun ein anderes Leben, treffen andere Menschen, erleben andere Dinge – getrennt voneinander.

Jemand hat auf mich gewartet, als ich jeden Morgen zu spät beim gemeinsamen Treffpunkt in der Uni erschien. Wir haben die Freistunden zusammen verbracht, auf der Treppe sitzend, um kurze Zeit später von einer schlecht gelaunten Sekretärin verscheucht zu werden. Wir haben stundenlang vor dem Drucker verbracht und uns war trotzdem nie langweilig. Gemeinsam haben wir uns durch Texte für Hauarbeiten gekämpft, tausende Strukturbäume gezeichnet und versucht Grammatik- oder Literaturheorien zu verstehen. Solidarisch standen wir uns zur Seite, um uns gegen übereifrige Mitstudenten, die uns nicht mochten, zu behaupten.
Es gab jemanden, der mich mühelos zum Lachen bringen konnte und immer interessiert an den Geschichten meines Lebens war. Jemanden, den ich kennengelernte, als ich meiner besten Freundin erzählte, dass ich acht Gigabite meiner Musik „versehentlich“ gelöscht habe. Ein folgender sarkastischer Kommentar war der Beginn einer Freundschaft, die viele weitere Kommentare ertragen musste und konnte.
Wir haben nächtelang telefoniert und die verschiedensten Lebensansichten diskutiert. In solchen Nächten habe ich außerdem viele grundlegende Dinge über Musik gelernt.
Jemand, der gerne zu mir sagte, ich solle mich nicht so aufregen – vorzugsweise in den Momenten, in denen ich es nicht gebrauchen konnte. Trotzdem war ich froh, dass es diesen Menschen an meiner Seite gegeben hat.
Ich erinnere mich gerne an diesen Nachmittag, an dem wir meine selbstgebackenen Plätzchen aßen, die eigentlich für jemand anderen bestimmt waren, und mir später klar wurde, dass ich sie mit niemandem lieber geteilt hätte.
Im Sommer lagen wir auf einer Decke und haben mit kalten Fruchtshakes den Tag verstreichen lassen. Jemand, mit dem ich zum ersten Mal Sushi gegessen habe und so lange probierte, bis ich etwas gefunden habe, was mir schmeckt. Daraus wurden viele weitere Sushi-Dates.

Mit jedem von ihnen habe ich über das Leben philosophiert und über Witze gelacht, die sonst niemand verstand. Ich habe nicht nur sie kennengelernt sondern auch mich. Weil ich Zeit mit ihnen verbrachte, konnte ich mich zu der Person entwickeln, die ich heute bin. Sie gehören zu mir und den Anektoten, die ich über mein Leben erzählen kann. Sie haben einen festen Platz, auch wenn sie das vielleicht nicht wissen.
Wir haben die Welt aus einer gemeinsamen Perspektive betrachtet, jedoch ist diese Gegenwart mittlerweile zu Erinnerungen geworden. Diese tragen mich zurück an die Orte, an denen wir uns begegnet sind. Denn Freundschaft ist etwas das bleibt.

Treffen wir uns irgendwann wieder? Das wäre schön.

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