Zwischen der Zeit

Es ist drei Uhr morgens und ich sitze mit einer Tasse warmem Tee am Fenster. Ich betrachte die leere Straße vor mir, die nur von den Laternen beleuchtet wird. Es ist ein vertrautes Bild, denn diesen Ausblick habe ich schon zu jeder Jahreszeit gesehen. Als Kind habe ich sie mit bunter Kreide verschönert. Dort habe ich Fahrrad und Inliner fahren gelernt und mir das erste Mal mein Knie aufgeschürft, als ich mit den Jungs Fußball spielte. Die Narbe sieht man heute noch. Es ist die Straße, auf der ich Freunde gefunden habe, mit denen ich eine unbeschwerte Kindheit genießen konnte.
Jetzt brennt in keinem der umliegenden Häuser ein Licht. Alles ist dunkel und gibt mir das Gefühl, alleine wach zu sein. Es ist ruhig, obwohl der Regen sanft gegen die Fensterscheibe prasselt. Einzelne Tropfen bahnen sich in einem Wettlauf ihren Weg nach unten. Welche wohl als erste am unteren Rand ankommt? Ein paar von ihnen werden von neuen Tropfen eingefangen und mit nach unten gezogen, andere bleiben stehen. Vereinzelt mischt sich eine Schneeflocke unter die Tropfen und die kleinen Kristalle heften sich an die kalte Scheibe.
Es ist so ruhig, dass mir der Kontrast zu der hektischen Welt, in der wir uns tagsüber bewegen, sehr bewusst wird. Jetzt hat man Zeit einfach mal dazusitzen und alles auf sich wirken zu lassen, ohne von Termin zu Termin zu hetzen, ständig im Geiste die Do-To-Liste abzuhaken und neue Punkte hinzuzufügen.
Die Welt draußen befindet sich in einem Zwischenstadium: Der vorherige Tag ist vorbei und das Morgen hat noch nicht ganz begonnen. Fast so, als würde für einen kurzen Augenblick die Zeit still stehen. Für dieses Stückchen Zeitlosigkeit ist nicht wichtig, wer ich war oder sein möchte. Nur wer ich bin.

Ohne Kontur

Ein Fleck ohne Kontur. – Clueso: Keinen Zentimenter

In diese Ruhe, die sich auf mich überträgt, kann ich meine Gedanken überlassen. Auch wenn ich am liebsten gar nichts denken würde. Alles verliert sich in diesem Zwischenraum und ich bin gespannt, welche Ideen davon im Morgen ankommen. Es wird sich zeigen, wohin sie mich bringen.
Die üblichen Fragen, die in meinem Kopf kreisen, halten mich vom Schlafen ab: Wo will ich hin? Was ist das nächste Ziel? Bin ich dafür auf dem richtigen Weg oder verschwende ich nur meine Zeit?
Doch heute Nacht hat sich eine ganz andere Frage eingeschlichen: Was würde mein achtzehnjähriges Ich über mein heutiges Leben denken? Würde es mit dem Kopf schüttelnd vor mir stehen, um stumm zu fragen: Was wurde aus diesem perfekten Leben, was ich mir vorgestelllt habe?
Doch dazu muss man wohl sagen, dass mein jüngeres Ich in der Zukunftsplaung eher idealistisch vorgegangen ist, denn eigentlich hatte ich so kurz vor dem Abitur überhaupt keine konkreten Vorstellungen, was danach mit mir passieren sollte. Meine jüngere Version wusste nur, dass sie mit 28 irgendwie diese verschwommenen Konturen zu gesetzten Linien umgewandelt haben müsste. Sie dachte, sie müsste in diesem Alter genau wissen, was sie die nächsten dreißig Jahre machen würde. Dass sie in den zehn Jahren zwischen heute und damals irgendetwas Vorzeigbares in der Hand haben müsste, im Sinne von „Mein Haus, mein Auto, mein Feriendomizil“. Außerdem müsste sie schon seit mindestens vier Jahren den Mann fürs Leben kennen, den sie in spätestens zwei Jahren heiraten wollte.
Heute weiß ich: Muss sie nicht.
Muss ich nicht.

Zwischen schwarz und weiß noch unzählige Schattierungen, die berücksichtigt werden müssen. Ich bin noch nicht am Ende meiner Reise angekommen, ich will noch vieles entdecken und ausprobieren. Mein Leben ist nicht planlos, aber genauso wenig auf ein einzelnes Ziel fixiert. Einige meiner Träume konnte ich erfüllen, an anderen arbeite ich noch.
Es ist gut eine Vorstellung vom Leben zu haben, aber ich habe gelernt, dass diese Planung nicht statisch sein muss. Denn selbst der beste Plan kann durch unvorhergesehene Ereignisse neue Richtungen einschlagen oder komplett umgeworfen werden. Ich habe erkannt, dass aufgeben und aufhören unterschiedliche Dinge sind. All das hat mir nicht geschadet, sondern mich um Erfahrungen und Perspektiven bereichert. Es hat mir gezeigt, dass ich mich nicht hinter einer Vorstellung verstecken muss, sondern einfach ich selbst sein darf. Mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Manchmal ist nämlich es gar nicht so leicht, genau zu wissen, wer man ist. Ein Leben abseits des geplanten Wegs ist immer noch ein Leben, auf das ich stolz sein kann. Fehler dürfen gemacht werden und sind sogar manchmal notwendig, um einige Dinge besser einschätzen zu können.
Auch, wenn die Auffassungen meines früheren und meines heutigen Ichs sich nicht mehr ganz vereinbaren lassen, haben sie vieles gemeinsam. Das achtzehnjährige Mädchen mit all seinem Tatendrang ist immer noch in mir erhalten geblieben. Deswegen wäre sie sicher nicht enttäuscht über mein Leben und meine Entwicklung, sondern gespannt auf alles, was mich noch erwartet. Vielleicht wäre sie sogar froh, dass ich nicht mehr achtzehn sein muss.
Und, wenn ich könnte, was würde ich meinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?
Alles wird gut.
Das würde ich sogar meinem heutigen Ich sagen.


Wie würde eine Begegnung mit eurem achtzehnjährigen Ich verlaufen? Was hättet ihr euch gegenseitig zu erzählen?

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3 Gedanken zu “Zwischen der Zeit

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