Zeit für Klassiker | Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

Mein Jahr den Klassikern zu widmen war mehr oder weniger eine spontane Idee, denn eigentlich mangelt es auf meiner Gelesen-Liste nicht an ausgewählten Werken der Weltliteratur. Dennoch es gibt noch genügend, die man nicht kennt. Da immer wieder neue Romane geschrieben werden, passiert es leicht, dass ein Klassiker auf der Prioritätenliste schnell mal weiter nach hinten rückt. Mit diesem Jahr soll sich das für mich mit der Zeit für Klassiker-Liste ändern.
Hinter jedem dieser Buchrücken befindet sich eine der spannendsten Welten, einige der lehrreichsten Figuren, eine der unsitthaftesten Gesellschaften oder eine der romantischsten Liebesgeschichten über Stände hinweg – eine unfassbar wertvolle Geschichte.
Einen Klassiker zu lesen, bedeutet nicht nur, sich einige Zeit mit einem Buch zu beschäftigen und es dann wieder im Regal verschwinden zu lassen. Es hat seine ganz eigene Atmosphäre, da dieses Buch durch verschiedenen Epochen gereist ist. Ein bestimmtes Thema oder Motiv wurde oft gelesen, aufgegriffen und neu interpretiert oder vollkommen abgelehnt. Sie dienten als Grundlage für weitere literarische Werke.
Die Geschichte außerhalb der eigenen Handlung ist meistens genauso spannend wie das Geschriebene. Irgendetwas daran bewegt die Leser seit Jahrhunderten – nicht nur, weil es in einem Kanon aufgeführt wird. Durch eine Besonderheit wurde es zum Spiegel seiner Zeit und repräsentiert das damalige Leben. In diesen Werken findet man charakterstarke Figuren, die bei jedem einzelnen Leser eine Erinnerung hervorrufen.

Begonnen habe ich das Jahr mit Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray.

Mit den drei unterschiedlichen Figuren Basil Hallward, Lord Henry Wotton und Dorian Gray taucht der Leser in ein England des 19. Jahrhunderts ein. Die eindrucksvolle Sprache des Autors zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die nur nach dem Schönen und Guten strebt – wobei man ganz klar herausheben muss, dass diese beiden Begriffe equivalent benutzt werden können. Mit eben dieser Oberflächlichkeit gehen die Moral und die Sittlichkeit einher.
Der Maler Basil ist im Begriff den jungen Dorian zu portraitieren. Er hat auf eine für die damalige Zeit unsitthafte Art Gefallen an dem jungen Mann gefunden und ist von dessen natürlicher, unbefleckter Schönheit verzaubert. Dieses Bild stellt sich als Basils beste Arbeit heraus und wird aus wahrscheinlich diesem Grund zu Dorians Verhängnis.
Kurz bevor das Portrait fertiggestellt ist, trifft Dorian auf Lord Henry, der ihn mit Worten umgarnt und anhand des Portraits deutlich hervorhebt, welche Macht Dorian durch seine Schönheit gegeben ist. Daraufhin begibt er sich in die Gesellschaft seines neuen Freundes, in der Lust und Vergnügen an oberster Stelle stehen. Er ist auf einer rastlosen Suche, die ins Nichts führt – ohwohl er Erkenntnis sucht. Immer mehr werden die Leute seines Umfelds in Mitleidenschaft gezogen, Dorians äußerliche Markellosigkeit bleibt allerdings unverändert. Das Bild, das an seiner Stelle altert, ermöglicht ihm dadurch ein Doppelleben, mit dem er seine anerkannte Persönlichkeit nach außen beibehalten kann. Seine wahre Identität bleibt im Verborgenen und seine Taten für ihn ohne Folgen.
Beeinfusst wird er immer wieder von Lord Henry, einem Meister der Rheorik, denn seine Reden sind lang und sprachlich prunkvoll ausgebaut. Es passiert häufig, dass man mit den Augen nur so über die Seiten seiner Monologe fliegt und buchstäblich davon mitgerissen wird. Das macht ihn für mich zur interessantesten Figur des Romans.
Der Leser ist durch die Distanz zur Geschichte gegenüber Dorians kindlicher Unruhe, die jedem noch so kleinen Wort eine Bedeutung beimisst, im Vorteil. Dorian ist von Henrys rhetorischer Raffinesse begeistert und lässt sich allein von den Gefühlen, die seine Worte in ihm hervorufen, beinflussen und überspringt die genaue Begutachtung des Gesagten. So versteht er vieles falsch oder anders, als Henry es vermeintlich gemeint hat – selbst wenn dieser gar nichts meint. Dieser legt keinen Wert darauf, verstanden zu werden, solange er eine Wirkung hervorruft. Basils Stimme der Vernunft und Moral erreicht Dorian erst, als es schon längst zu spät ist.
Durch eine gezielte Analyse einer oder mehrerer Textpassagen kann der Leser hinter Henrys Wortgewandtheit blicken und die Aussage – Widersprüche oder leere Phrasen – besser herausfiltern. Das macht dieses Buch allerdings zu einem Roman, den man nicht nur einfach liest – beziehungsweise nicht nur einmal.

 Life has been your art. You have set yourself to music. Your days are your sonnets.

(Oscar Wilde – The Picture of Dorian Gray, Chapter 19)

Die von Oscar Wilde sicher bewusst gewählte Figurenkonstellation bietet viel Raum zu einer ausgiebigen Auseinandersetzung und Interpretation der Zeit, der Gesellschaft und der beschriebenen Charakterzüge. Man fühlt mit Basil, der von seinem verbal überlegenen Freund Henry im Kampf um den jungen Schönling ausgestochen wird. Sein Charakter hat tragische Züge, da er von Beginn an etwas Gutes möchte und genau daran gescheitert ist. Der Leser wundert sich über manche von Henrys Aussagen und ärgert sich über Dorians Naivität und seine überzogene, gefühlsbetonte Reaktion. Oft kam mir der Gedanke, dass Vertreter der Stömung des Sturm und Drangs oder der Epoche der Romantik noch einiges von dem jungen Dorian hätten lernen können.
Weitere handelnde Figuren geben einen umfangreichen Blick auf die Gesellschaft, wodurch man nicht nur einmal ins Stocken gerät. Viel zu oft wird man mit Ähnlichkeiten der heutigen Zeit konfrontiert und muss sich eingestehen, dass manche Misstände auch nach zwei Jahrhunderten nicht beseitigt worden sind.

Während der kompletten Handlung stellten sich mir darüberhinaus immer wieder die gleichen Fragen: Von was hängt Schönheit ab? Beinflusst das Leben die Kunst oder die Kunst das Leben? Bildet die Kunst das Schöne ab oder das, was sein Betrachter als schön erachtet? Entwickelt sich das Wesen durch innere oder äußere Faktoren? In wessen Verantwortung liegt der dargestellte Verfall?
Die Beantwortung wird zur herausragenden Eigenschaft von Oscar Wildes Roman: Es wird keine vorgegeben. Mit Hilfe der Sprache gelingt es ihm bestimmte Stellen exzellent zu gestalten, sodass es beim jeweiligen Leser liegt, wie er sie deutet.
Trotzdem konnte ich eine der Botschaften von Wilde an seine Leser herauslesen: Lass dir Zeit für deine Antwort, denn Übereifrigkeit bringt einen nicht immer weiter.


Diesen Roman haben Henrik und ich gemeinsam gelesen, auf zuendegelesen.de findet ihr seine Rezension. Als nächstes werden wir uns mit Sturmhöhe von Emily Brontë beschäftigen.

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Ein Gedanke zu “Zeit für Klassiker | Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

  1. Hallo Lauretta!

    Du hast ebenfalls eine sehr schöne Rezension zu dem Buch geschrieben. Ich freue mich, dass wir das Buch zusammen gelesen haben und uns immer wieder darüber unterhalten haben!
    Ich finde es toll, dass wir beide dann doch noch eine recht gute Meinung darüber verfasst haben und wir beide uns auf unterschiedliche Weisen darüber geäußert haben!

    Dorian wird uns sicher noch das ein oder andere Mal imd Gedanken rumspringen und in unsere Gespräche einfließen!

    Liebe Grüße
    Henrik

    Gefällt 1 Person

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