Über eine lange Freundschaft

And you don’t have to wear your best fake smile
Don’t have to stand there and burn inside
No, if you don’t like it.
And you don’t have to care, so don’t pretend,
Nobody needs a best fake friend

James Bay – Best Fake Smile


Alles ist neu. In der Stadt, in der man für die nächsten Jahre das Gynmasium besucht, kennt man sich noch nicht aus. An die neuen Räumlichkeiten muss man sich erst noch gewöhnen. Es gibt nur ein paar bekannte Gesichter, die man aus der Grundschule kennt.

In der großen Pause sitzen zwei zehnjährige Mädchen zusammen auf einer Bank und teilen ihr mitgebrachtes Obst: Weintrauben und ein in Scheiben geschnittener Apfel. Es ist das erste Mal, dass sie miteinander sprechen.

Das ist jetzt achtzehn Jahre her und die Bank existiert nicht mehr. Die Freundschaft und die erste Erinnerung allerdings schon. Die beiden Mädchen sind erwachsen geworden – nicht immer am selben Ort, trotzdem zusammen.
Wir lernen tagtäglich Menschen kennen, deren Namen wir am Tag danach schon wieder vergessen haben und eine Woche später ihre Gesichter nicht mehr erkennen. Sie interessieren sich genauso wenig dafür, was uns als Person ausmacht, wie wir uns für sie. Und dann sind da diese Menschen, die wissen, wer wir sind. Als ich mich vor Kurzem mit der erwähnten Freundin zu unserem traditionell gewordenen Sushidate getroffen habe, ist mir aufgefallen, wie wertvoll es ist, einen oder mehrere Menschen zu haben, mit denen man durch verschiedene Abschnitte des Lebens gemeinsam gegangen ist. Wir wissen wohl alle, dass es nicht immer einfach ist, sich auf dem Weg nicht zu verlieren.

Nicht jeder der Menschen, die wir früh in unserem Leben kennenlernen, entfernt sich von uns. Bei mir sind ungefähr eine handvoll Freunde übrig geblieben, die mich nicht nur im Jetzt kennen. Sie kannten mich schon, als keiner von uns so genau wusste, wo uns der Weg hinführen wird und was wir vom Leben wollen. Wir haben die Herausforderung auf uns genommen und es zusammen herausgefunden.
Diese Freunde haben erlebt, wie ich zum ersten Mal musikverliebt war. Sie waren mit mir auf meinem ersten Konzert, obwohl ihnen die Musik viel zu laut war und die Band viel zu schlecht. Mit ihnen war ich zum ersten Mal alleine im Urlaub und die Geschichte mit den Abdeckplatten als Beweis für meine Unfähigkeit, wird mir meine Familie noch in zwanzig Jahren vorhalten. Obwohl sie Höhenangst haben, setzten sie sich mit mir in ein Riesenrad. Außerdem schauen sie mit mir jeden neuen Matthias Schweighöfer-Film an. Manchmal einfach nur, weil ich es will. Ohne eine Bedingung.
Sie wissen, wie ich mich verhalte, wenn ich vor Glück durch die Luft springen könnte – und es schließlich auch mache. An meinem Gesichtsausdruck erkennen sie, wenn ich verliebt bin oder ein Geheimnis habe. Die Gründe, die mich traurig oder wütend machen, muss ich nicht mehr erklären. Sie können zwar nicht verhindern, dass ich enttäuscht werde, tun aber alles, um mich liebevoll wieder aufzubauen. Sie sind mit mir Schritte nach vorne gegangen, aber auch mal wieder zurück. Meine Steine wurden von ihnen getragen, wenn ich nicht mehr konnte. Ich musste nicht mal fragen. Von ihnen hörte ich nie „Das kannst du nicht.“, selbst wenn es sich dabei um eine komplizierte Matheaufgabe handelte (und ich es wirklich nicht konnte).
Weil ich bin, wie ich bin, mögen sie mich; nach so vielen Jahren kann man nicht mehr viel verstecken. Das ist keine Selbstverständlichkeit und ich schätze mich glücklich, diese Menschen gefunden zu haben. Aus diesem Grund kann ich die freundschaftliche Liebe, die sie mir entgegenbringen, in genau der gleichen Menge zurückgeben. Zumindest versuche ich das, um ihnen eine gute Stütze für ihr Leben zu sein.

Heute liegen zwischen unseren Treffen manchmal mehrere Wochen, wir wohnen nicht in derselben Stadt und gleichen nachmittags keine Hausaufgaben mehr ab. Unsere Interessen haben sich weiterentwickelt und sind breiter gefächert, teilweise sogar unterschiedlich. Wir treffen uns trotzdem, um die neuste Folge Game of Thrones anzusehen, gemeinsam zu kochen oder uns über unseren Alltag auszutauschen. Immer noch können wir stundenlang zusammen lachen, als wäre es erst gestern gewesen. Im Herzen behalten wir diese unsicheren, kleinen Mädchen, die sich erst noch kennenlernen mussten, und entdecken ein Stückchen mehr von dieser großen Welt.

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