Warum ist lesen für mich wichtig?

Man kennt das: Lesen fördert so ziemlich alles – die Sprachgewandtheit, die Kreativität, die Vorstellungskraft. Eltern sollen vorlesen. Kinder sollen viel lesen. Je früher man anfängt, desto besser ist es.

Fragt man eine Suchmaschine im Internet, findet man Artikel, die Tipps und Weisheiten rund um das Lesen zusammengetragen haben. Dafür braucht ihr also keinen weiteren Beitrag von mir. Deswegen erzähle ich euch meine eigene Geschichte vom Lesen.

Meine ersten Bücher

Seit ich denken kann, bin ich von Geschichten umgeben und dankbar für jede einzelne. Meine Schwester, die selbst sehr viel liest, hat schon früh damit begonnen, mir etwas vorgelesen. (Nach der Expertenmeinung hat sie also alles richtig gemacht.)
Es fing mit den Bilderbüchern vom kleinen Tiger und großen Bären, die ich wirklich sehr mochte, an. Bis heute habe ich eine große Tigerente auf meiner Fensterbank stehen. Aber auch die spannenden Abenteuer von Lars, dem kleinen Eisbären, oder dem Regenbogenfisch verfolgte ich gebannt. Genauso gehörten Erzählungen eines kleinen Braunbären, der den Winter nicht mochte, eines Ferkels, das gerne die Welt umsegeln wollte, oder eines kleinen Dinosauriers, der seine Familie suchte, zu meiner täglichen Abendgestaltung.
Darauf folgten bekannte Märchen und Kinderbücher. Ich wusste alles über den kleinen Prinzen, Pippi Langstrumpf, Karlson vom Dach, Ronja Räubertochter, Jim Knopf, den kleinen Wassermann und das Urmel aus dem Eis. Meine ersten Schultage erlebte ich zusammen mit den Schulerlebnissen des kleinen Nick. Alle wurden auf ihre ganz eigene Weise zu den Begleitern meiner Kindheit. Ihre Abenteuer wurden zu unseren, denn auch diese Bücher las mir meine Schwester vor. Ich habe mich auf die gemeinsame Zeit mit diesen Figuren gefreut, von ihnen gelernt und mich stets gefragt, was sie als nächstes erleben würden. In gewisser Weise kann ich jedem meiner Lebensabschnitte ein bestimmtes Buch zuordnen.

Panama

Man kann vielleicht denken, dass mir das Lesen dadurch in bestimmter Hinsicht anerzogen wurde, für mich war es allerdings immer nur eine Option, die man mir gegeben hat. Ich musste nicht lesen, ich wollte. Ich bilde mir sogar ein, dass diese Geschichten den Grundstein für meine eigene Fantasie gelegt haben. Schon früh habe ich mir eigene ausgedacht, meistens zusammen mit meiner Kindergartenfreundin. Und immer wieder fragte ich mich: Was geht in den Köpfen der anderen Kinder vor, wenn dort keine Geschichten entstehen oder erzählt werden? Ich habe leider bis heute keine Antwort.

Eigenständig lesen

Als ich schließlich in ein Alter kam, in dem ich selbst lesen konnte, brach das Band zwischen den Büchern und mir nicht ab. Zu sehr hatte ich mich an all das gewöhnt, was mir diese Geschichten gaben: Unterhaltung, Erfahrung und Geborgenheit.
An das erste Buch, das ich selbst gelesen habe, erinnere ich mich als wäre es gestern gewesen: „Hallo Mr. Gott, hier spricht Anna“; ich war acht Jahre alt. Na gut, ich habe es nicht komplett alleine gelesen. Die erste Hälfte las mir noch meine Schwester vor, danach entschied sie, dass ich, sollte ich wissen wollen, wie diese Geschichte ausgeht, selbst lesen müsste. Ein effektiver Trick, der mich aus der Bequemlichkeit des Vorlesens herausholte, denn natürlich wollte ich wissen, wie der Weg von Anna und Fynn weiterging. Es dauerte seine Zeit, denn als Leseanfänger war ich bei weiterem nicht so schnell, wie ich es heute sein kann. Doch es machte mir immerhin so viel Spaß, dass diese abendliche Tradition nie aufhörte.

Im Laufe der Zeit folgten altersgerechte Romane von bekannten sowie unbekannten Autoren: über eine Gruppe von Kindern, die im Cyberspace Kriminalfälle lösten, oder später über die ein oder andere junge Journalistin/Radiomoderatorin/Werbetexterin auf der Suche nach dem Traumprinzen. Während Freundinnen über einen Sommer voller Langeweile auf einer Insel berichteten, gab es so was für mich nicht. Ich konnte mit den Füßen im Sand stecken und gleichzeitig den kleinen Hobbit auf seiner Reise durch dunkle Wälder begleiten. Nicht weniger interessant war die Geschichte über eine der ersten weiblichen Ärztinnen und ihren Weg, den sie nehmen musste.
Bücher sind Möglichkeiten verschiedenen Perspektiven einzunehmen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die man nicht kennt oder gewohnt ist. Ich wollte so viele Geschichten entdecken wie es nur möglich war. Jedes fertiggelesene Buch war ein Triumph und wurde als solches ins Bücherregal gestellt. Je dicker das Buch, umso besser war es. Es gab sogar eine Zeit, in der ich nur zu den richtigen Wälzern griff und den anderen gar keine Beachtung schenkte. Sportbegeisterte Menschen haben Pokale ihrer Erfolge, ich habe meine Bücher. Mittlerweile ist es mir allerdings nicht mehr so wichtig, jedes Buch (bis auf ein paar Ausnahmen) im Regal stehen zu haben – Hauptsache, ich habe ihre Geschichte kennen gelernt.

Ich habe viele Bücher gelesen, gute wie schlechte. Jedes hat meine kleine Welt ein bisschen größer gemacht und meine Vorstellungskraft bereichert. Mit jedem weiteren Roman wurde ich unterhalten, habe Menschen und fiktive Figuren kennen gelernt und sogar manchmal während des Lesens komplett die Zeit vergessen.
Deutsch wurde in der Schule zu meinem Lieblingsfach, weil man mir dort weitere Bücher näher brachte, zu denen ich in meiner Freizeit sicher nicht gegriffen hätte. Ich lernte viele Klassiker kennen, die interessante Aspekte ihrer jeweiligen Zeit symbolisieren. Von ihnen lernte ich mehr als im Geschichtsunterricht, da Fakten mit Zusammenhängen, Persönlichkeiten und Schicksalen verbunden werden – egal ob sie nun existierten oder nur stellvertretend verwendet wurden. Ich bekam ein Gefühl dafür, was Literatur allgemein bedeutet und wie man sie nutzen kann. Im Studium bot sich mir die Möglichkeit, zu lernen, wie man mit Texten umgeht. Wie man sie liest, interpretieren oder vergleichen kann.

Alles was bleiben darf, ist die Erinnerung.
Ich muss dich nicht besitzen, uns nicht in Rinde ritzen.
Es war ne schöne Zeit, doch wird es Zeit zu gehen.
Es war mir eine Ehre, in deinem Bann zu stehen.
Samuel Harfst – Sehenswürdigkeit

Also, warum ist lesen wichtig?

Weil es so ist! Das war meine kaum durchdachte Antwort und lange Zeit wusste ich nicht, wie ich auf diese Frage antworten sollte. Doch schließlich saß ich bei einer Konzertlesung von Samuel Harfst und Samuel Koch und sie spielten ihren Song Sehenswürdigkeit. In dem Augenblick als mich diese Zeilen erreichten, kannte ich meine Antwort. Genau das, was sie beschreiben, drückt Lesen für mich aus.
Ich gebe jedem Buch den Raum ein Stück von meinem Leben einzunehmen; ich lasse mir Zeit, um über die Charaktere und ihr Handeln nachzudenken. Wenn ich schließlich einen Roman beendet habe, klappe ich ihn zwar zu, die eigentliche Geschichte ist dennoch nicht vorbei. Manchmal fängt sie genau dann erst an, weil sie sich in mir weiterentwickelt und mir die Inspiration liefert, etwas eigenes zu schreiben. Die Worte, die ich gelesen habe, kann ich nun selbst benutzen, um sie neu zu ordnen.

Wichtig war und ist bis heute, dass ich mit meiner Schwester über das Gelesene sprechen kann. Damals wurden die zuletzt gelesenen Seiten von Harry Potter am nächsten Morgen beim Frühstück besprochen, heute bei gemeinsamen Treffen die tränenreiche Geschichte von Jojo Moyes. Wir lesen oft dieselben Bücher und tauschen sie untereinander aus. Ein Satz, den unsere Mutter wohl sehr oft zu hören bekommen hat, ist „Ich habe das Buch fertig gelesen.“
All diese Geschichten, die ich in mir trage, kann ich heute an die kleineren Mitglieder meiner Familie weitergeben und sie vielleicht genau die gleiche Verbundenheit spüren lassen.

Letztendlich muss es jeder für sich selbst entscheiden. Jedes Argument für das Lesen kann durch ein Gegenargument entkräftet werden. Ich habe in den letzten Wochen mit ein paar Leuten in meiner Umgebung gesprochen und viele davon sagten, sie könnten doch genauso gut einen unterhaltsamen Film oder eine gut recherchierte Dokumentation ansehen, damit wäre das Buch ersetzt. Es liegt an der jeweiligen Person, welchem Teil er mehr Gewichtung schenkt oder ob man vielleicht beides gleichwertig betrachtet.


Das war eine Frage, die Henrik von zu ende gelesen und ich zusammen beantwortet haben.
Zukünftig wird es immer wieder Antworten zu allgemeinen oder speziellen Themen im Bezug auf Literatur im Allgemeinen geben. Zusammengefasst werden sie in der Kategorie Literarische Angelegenheiten.

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3 Gedanken zu “Warum ist lesen für mich wichtig?

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