Cassandra Clare: Chroniken der Unterwelt

Dieser Text enthält SPOILER zu einer bestimmten Figur, ist also nur geeignet für Leser, denen das nichts ausmacht oder die die Reihe schon gelesen haben.

chroniken_der_unterwelt

Bildquelle: Henrik Dietl

Ich bin jemand, der Bücher oder Reihen, sobald sie einmal angefangen sind, auf jeden Fall auch zu Ende bringt. Sie abzubrechen würde mir gar nichts nützen, da ich mich immer fragen würde, wie alles ausgegangen oder ob es doch besser geworden wäre.
Deswegen habe ich mich selbstredend durch die sechs Bände Chroniken der Unterwelt „gequält“. Vieles, das mich in den Chroniken der Schattenjäger, der Vorgeschichte dieser Reihe, begeistert hat, war von Anfang an nicht mehr vorhanden. Vor allem die Sprachgewandtheit, die ausgefeilten Beschreibungen und die inhaltliche Tiefe haben mir absolut gefehlt. Es hat mich von Band zu Band immer mehr frustriert, denn diese Geschichte hätte etwas Großes werden können. Naja, um fair zu bleiben, muss man wohl sagen, dass in den ersten beiden Teilen das Potenzial für eine gute Geschichte zu erkennen war.

Simon war von Anfang an ein Problem

An seiner Figur kann man eindrucksvoll deutlich machen, wie (meiner Meinung nach) lieblos die Autorin mit ihren Figuren umgegangen ist. Ja, ich kenne die Redensart „Kill your Darlings.“, aber Simon war nie ein Charaker, den ich für diese Geschichte benötigt hätte. Und doch ist er zum Schluss derjenige, der mir am meisten leid tut.
Schon als er das erste Mal aufgetreten ist, fand ich ihn nervig. Für mich hatte er weder eine Funktion noch einen eigenständigen Charakter. Nicht nur einmal habe ich ihn mit dem Eichhörnchen aus Ice Age verglichen, das lediglich der Nuss hinterherjagt. Es kam mir vor, als wäre er nur ein willkommener Sidekick, der entweder Clary oder meistens Jace in ein ansprechendes Licht rücken soll. Spätestens im zweiten Band hätte ich überhaupt kein Problem damit gehabt, wenn man ihn einfach heimlich aus der Handlung herausgeschrieben hätte. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem seine ganz persönliche Tragödie anfing und ich mir nur noch wünschte, man würde ihm nicht so oft wehtun.
Also habe ich Seite für Seite akzeptiert, dass er in der Handlung blieb.
Mühevoll habe ich ebenfalls akzeptiert, dass er ein Vampir wurde.
Ich habe akzeptiert, dass er im Zuge dessen für die böse Seite nützlich wurde und fast getötet wurde. (Ihn aus der Handlung rausschreiben, wäre eine Sache gewesen, ihn umzubringen allerdings keine Option!)
Ich habe akzeptiert, dass er dann auch noch zum Tageslichtler wurde.
Ich habe akzeptiert, dass er plötzlich für die weiblichen Figuren der Handlung immer interessanter wurde und eine zentralere Rolle in der Handlung angenommen hat. (Damit hat er endlich einen Charakter entwickelt und sich eine eigene Position verschafft.)
Ich habe akzeptiert, dass Clary ihm das Kainsmal verpasst hat, um ihn im großen Kampf zu schützen.
Ich habe akzeptiert, dass ihm eben dieses Mal vom Engel Razil später wieder weggenommen wurde, um Jace zu retten.

Aber, was ich einfach NICHT akzeptieren kann, ist, dass er dann am Ende – mal wieder, um die Gruppe zu retten -, seine Unsterblichkeit verliert  UND zusätzlich seine Erinnerung an jeden Schattenjäger inklusive seines gesamten Lebens an Clarys Seite.
Vielleicht hätte sogar die Möglichkeit bestanden, dass ich es ganz zum Schluss doch akzeptiert hätte, wenn seine Rolle damit zu Ende gewesen wäre. Aber nein, die nächste grandiose Idee war, dass man Simon doch zu einem Schattenjäger machen könnte, um ihn wieder der Gruppe um Clary, Jace, Isabel und Alec anzunähern.
Was danach mit Simon passiert, weiß der Leser nicht mehr.
Um es auf den Punkt zu bringen: Als die Figur, die aus ihm gemacht wurde, hätte Simon innerhalb von sechs Bänden ein entsprechendes Ende bekommen müssen. Doch das ist nicht passiert. (Und für mich zählt nicht, dass er in Lady Midnight nochmal am Rande erwähnt wird.)

Weniger ist manchmal mehr

Einen einzigen Charakter durch sämtliche vorstellbare Entwicklungstufen zu jagen, um der Handlung neue Wendepunkte zu geben, ist einfach zu einseitig. Wäre es Simons Geschichte, hätte man durchaus so vorgehen können. Doch da die Protagonisten eigentlich andere sind, scheinen diese im Laufe der Handlung immer mehr zu verblassen. Und das, obwohl der Autorin eine ganze Menge an Figuren zur Verfügung stehen, die charakterlich etwas auf sich nehmen könnten, um neue Richtungen einzuleiten.
Vielleicht liegt genau dort die Ursache des Problems: Bei einer solch hohen Anzahl an Charakteren bleibt der Raum für die Entwicklungen, die eine sechsbändige Reihe bietet, ungenutzt. Gerade bei Jace, den ich anfangs richtig gerne mochte, hat es mich im Verlauf einiges an Mühe gekostet, seine anfänglichen Stärken überhaupt noch wiederzuerkennen. Und viel schlimmer noch, nicht mal Simon ist am Ende das, was er am Anfang zu sein schien.
Hätte man sich mehr Zeit genommen, um die individuellen Eigenschaften einzelner Figuren näher auszuarbeiten, hätte man als Leser weiteraus mehr davon mitgenommen. So bleibt vieles offen oder steht irgendwo zwischen den Zeilen.

Die Schattenjägerwelt ist umfangreich und durch die Erfahrungen mit der Clockwork-Reihe bin sicher, dass es viele spannende Geschichten zu erzählen gäbe. Allerdings hätte es diesen Chroniken ganz gut getan, sie mehr zu fokussieren und nach drei Bänden anständig zu beenden.

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