Als Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur bekam

Hello Friend

Liebe Annie,

ich wollte diese Woche über unseren stattgefundenen Beste-Freundinnen-Tag schreiben, an dem wir uns getroffen hätten, um viele lustige Dinge zu erleben, abends auf dem Konzert von Max Giesinger zu tanzen und du ihm in einem netten Gespräch wieder Neuigkeiten von Charlie Simpson unterbreitet hättest.
Bis zum Abend davor hatte ich keine Zweifel daran, dass es genau so kommen würde. Doch dem von dir als aktuell heißesten deutschen Künstler bezeichneten (woran kein Zweifel besteht!) Max Giesinger ist wohl ein bisschen zu kalt geworden. Er hat eine Kehlkopfentzündung, Sprechverbot und so wurde das Konzert abgesagt. Sehr schade! Gute Besserung, Max!
Zu gegebenem Zeitpunkt im Dezember hole ich diesen Teil der Kolumne also nach.

Dafür kann ich berichten, wie viel Spaß ich gestern mit der Lieblingsschwester bei dem Konzert von Samuel Harfst in der nebenörtlichen Kirche hatte. Wir wissen ja aus Erfahrung, wie schön diese Locations sind, doch diese war besonders klein, sodass eine ganz wundervolle Stimmung herrschte. Nach dem sehr aufwühlenden gestrigen Tag, war das genau der Ausklang, den ich brauchte, um mich besser zu fühlen.

Ein weiteres musikalisches Highlight, das mir den heutigen Sonntag versüßt, ist das neue Album von Clueso. Er ist ein Künstler, der mit seinem Lied La la Ich bin verliebt und spätestens mit dem Album Weit weg (2006) aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Viele seiner Lieder sind mit tollen Erinnerungen verbunden. Deswegen war es für mich selbstverständlich, dass ich sein vorheriges Album Stadtrandlichter direkt zur Veröffentlichung ungehört kaufte. Doch dann passierte das eigentlich Undenkbare: Die Lieder waren zwar gut, sie berührten mich allerdings nicht. So stellte ich das Album nach ein paar Mal hören in den Schrank. Aufgegeben habe ich es nicht, denn die Hoffnung, dass ich es irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorhole und einen meiner Lieblingssongs darauf entdecke, besteht noch.
Womit man bei Clueso jedoch immer rechnen kann, ist, dass er sich von Album zu Album verändert und jedes einen ganz eigenen Klang hat. Mit diesem Wissen konnte ich Neuanfang ganz wertfrei zum ersten Mal hören und war überrascht, wie schnell es mich von sich überzeugen konnte. Ich liebe es und freue mich auf die Zeit, die ich mit den neuen Liedern verbringen werde.

Etwas, womit ich ebenfalls in dieser Woche nicht gerechnet hätte: Ein Musiker hat den diesjährigen Literaturnobelpreis gewonnen. Beim ersten Lesen kann man eventuell stutzig werden. Gibt man dem Gedanken jedoch ein paar Sekunden Zeit, sich zu entfalten, ist es eine ziemlich großartige Sache – und gar nicht so abwegig.
Bob Dylan war bereits im Jahr 1996 zum ersten Mal offiziell nominiert, nachdem sich zwei Schriftsteller mit einer Kampagne dafür eingesetzt hatten. In darauffolgenden Jahren war er immer wieder im Gespräch. Somit war es mehr oder weniger eine Frage der Zeit und eine gute Entscheidung, ihm endlich diese Wertschätzung entgegenzubringen.
Bevor jetzt irgendjemand mahnend den Finger reckt, um mir fehlende Ahnung zu unterstellen: Ja, vielleicht habe ich keine. Wahrscheinlich kenne ich nur ansatzweise genügend Songs von Bob Dylan, um beurteilen zu können, ob seine Texte tiefgründig genug für eine solche Auszeichnung sind. Eine Beurteilung kann ich allerdings bei vielen anderen Preisträgern dieser Kategorie ebenfalls nicht anstellen, da ich ihre Werke nicht gelesen habe. Was ich allerdings weiß, ist, welchen Einfluss dieser hervorragende Musiker seit den 60er Jahren für die Musikkultur hat und welche Bedeutung ihm viele uns derzeit bekannte Musiker beimessen. Das reicht mir ehrlich gesagt, um diese Entscheidung in vollen Maße als gut zu bewerten.
Im Social Media-Bereich hagelte es neben den Glückwünschen auch Überraschung, Unverständnis und Kritik. Aber warum eigentlich?
Was haben wir für einen Begriff von Literatur?
Damit fühle ich mich zurückversetzt in die erste Woche meines Literaturstudiums, in der ein Dozent genau diese Frage stellte.
Wollen wir den Literaturbegriff so weit eingrenzen, dass er die Arbeit eines jahrelang erfolgreichen Musikers ausschließt? In Zeiten, in denen sich jeder als Autor bezeichnen kann, sobald er irgendeinen Text geschrieben hat? Nur, weil seine Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ lautet? Nur wer sagt eigentlich, dass er genau das nicht ist?
Das Wort Schriftsteller bedeutet doch nur, dass jemand etwas verfasst hat. Ob nun in Prosa, Gedichts- oder Liedform ist dabei erstmal nebensächlich. Einem Liedtext den richtigen Ausdruck zu verleihen, ist dabei weitaus schwieriger als einen Prosatext zu formulieren, bei dem man sehr viel mehr Platz für beschreibende Worte hat, die eine Stimmung kreieren. Bei einem Lied muss jedes Wort eine intensionale Bedeutung ausweisen.
Und sind wir doch mal ehrlich: Wenn Peter Handke mit Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968 mit der Bezeichnung als Literatur beziehungsweise eines lyrisches Werks durchkommt, dann hat Bob Dylan im Vergleich der Litertaur weitaus mehr zusammenhängende Worte geliefert.
Um noch mehr Beispiele zu nennen: Textgattungen wie der Minnesang oder die Pastourelle, durch die sich die Studenten meist in altertümlichen (fremdsprachige) Sprachformen quälen müssen? (Kann das dann auch weg? Von mir aus gerne, der Studienplan spricht eine andere Sprache.) Noch nie habe ich von jemandem gehört, dass die Bedeutung dieser damals mit Musik unterlegten Texte durch jene Tatsache geschmälert wurde.

Sollten wir also nicht langsam aufhören Kunst voneinander zu trennen? Die Erfahrung zeigt doch, dass die Grenzen verschwimmen und das eine von dem anderen bedingt wird. Gemalte Bilder sind von Texten inspiriert, Fotographie werden von Musikstücken oder Texten inspiriert oder mit ihnen unterlegt. Bilder inspirieren Autoren zu Texten, da sie beschreiben, was sie sehen.
Es ist ein Zusammenspiel von allen Künsten, um etwas neu auszudrücken.
Autoren schreiben über Musik und Biographien, derer, die sie machen, füllen ganze Regale in Buchhandlungen (übrigens auch von Bob Dylan). Ich möchte nicht wissen, wie viele Bücher vielleicht gar nicht geschrieben worden wären, hätten die betreffenden Autoren sich nicht von Bob Dylan als Person oder als Musiker motivieren lassen. Er hat ihnen zum richtigen Zeitpunkt die nötige Inspiration geliefert, um das zu fühlen, über was sie später schrieben oder noch schreiben werden. Oder, um die Ebene zu erweitern, Musiker, die Autoren zum Schreiben verhelfen, deren Inspiration von einer bestimmten Musikikone kommt: Bob Dylan.
Und weil er zu ihrem Leben gehört, könnt ihr die Bücher lesen*.
Ganz davon abgesehen, welchen hohen Anteil er an der Musikgeschichte hat, hat er wohl weitaus mehr für die Literatur getan, als wir absehen können. Hat er dafür keinen Preis verdient?
Ja, vielleicht ist meine Sichtweise ein bisschen idealisiert durch den Gedanken, dass Musik zu unserem Alltag dazugehört und diesen Platz tagtäglich ausfüllt, aber darüber nachdenken sollte man mal.

Ich erzählte in den letzten Kolumnen mehrfach, dass mich in der letzten Zeit keine Geschichte so wirklich überzeugen konnte. Das hat sich endlich geändert und ich kann über schöne Lesemomente sprechen. In dieser Woche ist ein ganz bezauberndes Buch erschienen: Mona Kastens Begin Again. Der erste Teil einer (so weit ich weiß, dreiteiligen) Reihe im LXY Verlag. Ich habe die Geschichte von Allie und Kaden innerhalb von wenigen Tagen verschlungen und kann sie nur wärmstens jedem ans Herz legen, der gute Liebesgeschichten mit tiefgründigen und angenehmen Charakteren mag. Selbst diejenigen, die dem New Adult-Genre skeptisch gegenüberstehen (wie auch ich meistens) könnten sich von diesem Roman mitreißen lassen. Ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sodass der Schlaf in den diesen Tagen ein wenig kurz gekommen ist. Ich werde vielleicht am Mittwoch (in der Kolumne, die ab sofort Achterbahnleben heißt) noch ein bisschen näher auf die Bad Boy-Rolle von Kaden eingehen.

Ich warte jetzt darauf, dass der Nebel verschwindet und sich die angekündigte Sonne zeigt.
Alles Liebe,
Lauretta

P.S.: Das Album von Nick Howard ist ebenfalls wundervoll!! (Um es nicht unerwähnt zu lassen.)

*Geschrieben, während im Hintergrund eine Bob Dylan-Playlist lief.


Quellen zu den Fakten über Bob Dylan:
wikipedia.org/wiki/Bob_Dylan
wissen.de/Literaturnobelpreis2016

Mehr Einzelheiten zum Begriff Literatur:
http://old.metzlerverlag.de/buecher/leseproben/978-3-476-02081-9.pdf Seite 1-5

(Internetseiten zuletzt aufgerufen am 14.10.2016)


Wie sich Annie in der letzten Woche auf den Herbst und den bevorstehenden November vorbereitet hat und ob sie dieses Mal mehr als einen (fraglich wärmenden) löchrigen Pullover gefunden hat, erfahrt ihr in der Hello Friend-Kolumne direkt auf ihrem Blog!

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5 Gedanken zu “Als Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur bekam

  1. Pingback: Als ich dir zwischen Tür und Angel schrieb | Kleinstadthipster

    • Liebe Elena,

      Bei manchen habe ich mich schon gefragt, ob sie das wirklich ernst meinen, bei allem, was da so geschrieben wurde… Ab und an waren doch Kommentare dabei, die nicht gerechtfertigt waren.
      Deswegen musste ich einfach loswerden, was ich darüber denke. 😉

      Es freut mich aber sehr, dass du meine Meinung teilst!

      Viele Grüße,
      Lauretta

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  2. Wow, das ist ein toller Text. Ich hab mich auch lange gegen den Gedanken gewehrt, dass ein Musiker eine Literaturpreis bekommen soll. Erst gestern habe ich dazu heftig mit meinem Onkel gestritten. Seine Argumente gingen in deine Richtung. Seitdem überdenke ich meine Position dazu neu. Jetzt habt ihr mich fast überzeugt.

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    • Man kann schon die Meinung vertreten, diese Entscheidung nicht gut zu finden. Ich sehe es eben ein bisschen anders. 😉
      Schön, dass dich mein Text zum Nachdenken angeregt hat und du deine Ansicht sogar überdenkst.
      Was wären denn deine Argumente dafür, dass es nicht gerechtfertigt ist?

      Liebe Grüße,
      Lauretta

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