Ich breche (meistens) keine Bücher ab.

buch-abbrechen

Wenn mehrere Buchblogger in einer Runde zusammenstehen, kommt erfahrungsgemäß eine bestimmte Frage mindestens einmal zur Sprache und wird diskutiert. Außerdem findet man in regelmäßigen Abständen einen Beitrag auf den vielzähligen Blogs. Es ist und bleibt also ein aktuelles Thema, zu dem immer wieder unterschiedliche Meinungen zusammengetragen werden. Die Frage, um die es geht, lautet: Ob man Bücher abbrechen darf?

Eigentlich sollte die Antwort klar sein: Solange man nicht vertraglich daran gebunden ist, ein Buch zu beenden – und das ist man in den häufigsten Fällen nicht- , muss man das selbstverständlich nicht tun. Trotzdem fühlt man sich vielleicht verantwortlich gegenüber der Geschichte, der Arbeit, die ein Autor in das Werk gesteckt hat oder dem Verlag, wenn es sich um ein Rezensionsexemplar handelt. Man muss sich jedoch der Tatsache bewusst sein, dass es sich um ein Hobby handelt und es eine persönliche Entscheidung ist, welchen Büchern man mehr Aufmerksamkeit schenkt als anderen.
An dieser Stelle wäre diese Diskussion eigentlich schon beendet. Wenn es denn so einfach wäre. Mich beschäftigt bezüglich dieses Themas die etwas abgeänderte Frage, ob ich das überhaupt will?

Für mich ist eine Geschichte immer erst dann abgeschlossen, wenn ich ihr Ende kenne. Breche ich den Roman also an einer beliebigen Stelle ab, werde ich in den meisten Fällen nie erfahren, welche Geschichte eigentlich erzählt werden sollte. Bei der Vielzahl an Büchern, die ich bisher gelesen und einen großen Teil davon schon wieder vergessen habe, sind es genau diese, die mir im Gedächtnis bleiben. Meine Gedanken, hervorgerufen durch ähnliche Geschichten oder Charaktere, die das genaue Gegenteil zu nicht gemochten darstellen, kreisen immer mal wieder zu diesen zurückgelassenen Geschichten und damit zu den offen gebliebenen Fragen zurück. Mit einem abgebrochenen Roman verbinde ich immer die Ungewissheit, ob das Ende nicht über die schlechten Passagen im Mittelteil hinwegtröstet hätte. Man muss jedoch zugeben, dass die meisten Bücher, deren Handlung sich auf einer Abwärtsspirale befindet, nicht mehr komplett herausgerissen werden können.
Deswegen gilt für mich: Wenn das Buch einmal angefangen ist, wird es auch beendet. Meistens.

Wie es immer ist, gibt es auch in meinem Bücherregal vereinzelt Romane, die ich nicht beendet habe. Denn selbst mit dem besten Durchhaltevermögen kommt es vor, das mich der Verlauf einer Handlung, ein oder mehrere Charaktere so verzweifeln, dass ich nicht mehr weiterlesen kann. In diesem Fall entscheide mich immer bewusst dazu, dass Buch zur Seite zu legen und meistens bleibt es dort auch. Manchmal sage ich mir zwar, dass ich es zu einem späteren Zeitpunkt weiterlesen kann, doch das tritt fast nie ein. Habe ich einmal damit aufgehört, ist es nur noch schwerer mich ein weiteres Mal zu überwinden und auf eine Geschichte, die mir sowieso schon nicht gefallen hat, neu einzulassen.

Bin ich damit glücklicher? Nein.

Ein Beispiel.
Ich habe vor circa einem Jahr Tschick von Wolfgang Herrndorf nach acht Kapitel abgebrochen. Ein Roman, das es (nach meiner Zeit) in den Lehrplan des Deutschunterrichts an Schulen geschafft hat. Eine Geschichte, die gehypt und gefeiert wird – nur werde ich wohl nie erfahren, für was. Ein Buch, dessen Schreibstil ich so langsam und unerträglich fand, dass ich nicht im Stande war auch nur eine weitere Seite zu lesen. Ich bin davon überzeugt, dass man nach acht Kapiteln eine grobe Vorstellung haben sollte, worum es in dem Roman überhaupt geht. Das hatte ich leider nicht. Nun weiß ich immer noch nicht, warum man diesen am Bein blutenden Junge mitten auf der Autobahn aufgegriffen hat, weshalb er die ganze Zeit so merkwürdige Dinge denkt, die nicht zur Handlung zu passen scheinen, und wer nun dieser Tschick, der noch überhaupt nicht vorkam, eigentlich ist?
Fragen, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben – ohne Antworten. Es ist einfach nicht abgeschlossen und das frustriert mich. Im Grunde würde ich es gerne verstehen.
Trotzdem ist die Motivation, in absehbarer Zeit weiterzulesen, nicht vorhanden. Ob ich irgendwann den Film ansehen werde? Nur, wenn es gar nichts anderes mehr zu tun gibt. Und das gibt es doch immer.

Obwohl ich es nicht gerne mache, kann Bücher abzubrechen ein Vorteil sein. Sich zu lange mit etwas auseinanderzusetzen, das man nicht mag, erscheint fast sinnlos bei der großen Vielfalt an wunderbaren Geschichten. Zumindest immer dann, wenn man es dabei belassen kann. Eine begründete Meinung hat man auf jeden Fall gewonnen. Mit ein bisschen Aufwand würde es mir sogar gelingen, alle essentiellen Fakten über Tschick in Erfahrung zu bringen. Bei anderen Büchern wäre das sicherlich sehr viel schwieriger, denn kaum jemand schreibt in allen Details über das Ende eines Buches. Wegen der Spoiler und so.
Aber, ganz ehrlich, diese Zeit, die ich dafür aufwenden müsste, kann ich dann wirklich nutzen, um die grandiosen Geschichten zu lesen.
Vielleicht erzählt mir ja jemand in einer netten Runde von all den Geschichten, die ich nicht selbst beenden konnte.

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