We can’t be friends

„Findest du es nicht schade, wie es gelaufen ist?“, fragt mich eine gute Freundin. 
„Es ist einfach schon zu lange vorbei“, sage ich schulterzuckend, ohne die Frage wirklich zu beantworten.

Friends

Ich weiß genau, was sie meint, denn natürlich ist es schade, wenn eine Freundschaft, die man im Alter von nur elf Jahren geschlossen hat, einfach so vorbei ist. Ohne ein Wort des Abschieds. An den Tag, an dem alles begonnen hat, kann ich mich ganz grob erinnern. Es war nach irgendeinem Sportfest, als sich unsere Eltern noch stundenlang auf dem Parkplatz unterhalten haben. Außer, dass wir morgens das gleiche Klassenzimmer betreten hatten und es nachmittags wieder verließen, hatten wir vorher nichts miteinander zu tun. Nur das kleine Lächeln, das wir uns am darauffolgenden Morgen zuwarfen, zeigte die Veränderung. Ohne es deutlich auszusprechen, war ein Band zwischen uns entstanden, das bis zum Ende unserer Schullaufbahn halten sollte. Sie war eine meiner besten Freundinnen und damit ein wichtiger Mensch für mich.
Trotzdem kann ich mich nicht dazu durchringen mit einem „Ja, es ist schlimm.“ zu antworten. Die Zeit, in der sich alles zum Gegenteiligen entwickelt hat, dauert einfach schon zu lange an.

Though I know that you’re not there
I still write you all these songs
It’s like, you got the right to know what’s going on
As I struggle to remember how you used to look and sound
At times I still think I can spot you in the crowd

Lukas Graham – You’re not there

Es war ein schleichender Prozess, bei dem dieses Band wahrscheinlich schon Risse bekam, während wir noch versuchten herauszufinden, in welche Richtung wir nach der Schulzeit gehen wollten. Unserer Zweckgemeinschaft, die wir damals noch Freundschaft nannten, fehlte die Basis – der gemeinsam zu bestreitende Alltag -, um weiterhin in der Form zu existieren wie wir es gewohnt waren. Ernsthaft darüber gesprochen hat keine von uns. Die wenigen Male, die wir uns in den fortlaufenden Jahren sahen, waren wir viel zu beschäftigt, so zu tun, als führten wir eine ganz normale Freundschaft. Trotzdem gelang es uns nicht, den immer größer werdenden Abstand so gering wie möglich zu halten. Das schienen wir bedingungslos hinzunehmen. Bis auch das nicht mehr ging – zumindest für mich nicht.
Immer mehr fiel mir auf, wie sehr wir nicht mehr zusammenpassten. Unsere Vorstellungen vom Leben, die Träume, die wir verwirklichen wollten, und grundsätzliche Einstellungen waren so weit voneinander entfernt wie nie. Ich weiß nichts über die Ängste, die sie nachts nicht schlafen lassen, oder was sie stattdessen glücklich macht. Selbst zu meinem Geburtstag meldete sie sich nicht mehr. Auch, wenn der Tag nur alle vier Jahre im Kalender steht, bin ich nicht Peter Pan. Ich werde älter.
Schließlich kamen all diese Kleinigkeiten zusammen, die ich nicht mehr ignorieren konnte. Einmal erzählte sie mir, dass sie auf bestimmte Bereiche meines Lebens neidisch und gerne so wie ich wäre. Ein anderes Mal machte sie mir ziemlich deutlich klar, wie ineffizient sie meine Tätigkeiten fände. Um etwas später doch wieder ein versöhnliches Statement, dass sie mich doch mögen würde, abzugeben.
Zwangsläufig drängt sich mir die Frage auf, was sie eigentlich will? Und darüber hinaus, was ich eigentlich will? Denn im Grunde habe ich die gleichen, widersprüchlichen Gedanken.
Möchte ich die Erinnerung an etwas, was mal war, wirklich aufrechterhalten oder ist es Zeit endlich loszulassen?

Ich kann nicht von mir behaupten, in jeder Situation, die es in den letzten zehn Jahren gegeben hat, immer richtig reagiert zu haben. Auch ich habe dazu beigetragen, dass wir uns voneinander entfernt haben, indem ich ihr zunächst Belanglosigkeiten, dann größere Veränderungen meines Lebens nicht mehr erzählt habe. Später war ich wütend, dass sie nichts davon wusste. Oder besser gesagt, sich überhaupt nicht dafür interessiert hat. Vielleicht war es ein Fehler, nie wirklich dafür gekämpft zu haben, dass diese Freundschaft funktionierte; nie wirklich darauf aufgepasst zu haben. Eventuell gäbe es dann gegenseitige Vorwürfe wie „Du bist nicht da gewesen.“ überhaupt nicht.
Aber wer weiß schon mit absoluter Sicherheit, ob wir dann heute eine andere Beziehung zueinander hätten oder ob alles trotzdem so gekommen wäre. Vermutlich war die Basis, die wir vor so vielen Jahren an diesem Nachmittag gefunden haben, nie für mehr geschaffen. Ich habe oft versucht, auf sie zuzugehen, genauso wie sie. Doch der Zeitpunkt war nie richtig und so sind wir nie wieder auf einer gemeinsamen Linie angekommen. Weder digital noch offline.
Eines Tages schaut man sich an und hat die Gewissheit, es ist vorbei. Letztendlich ist das auch in Ordnung. Ich bin ihr nicht böse und ich hoffe, sie mir auch nicht. Möglicherweise ist ein Abschied von diesem durch uns vorgefertigten Freundschaftsmuster sogar eine Chance auf einer neuen Ebene als Bekannte neu zusammenzufinden.
Dennoch lässt man jemanden, den man schon länger als die Hälfte seines Lebens kennt, nicht leichtfertig ziehen. Selbst, wenn man eingesehen hat, dass man persönlich viel zu weit davon entfernt ist, einen Schritt zurückzugehen. Es ändert nichts an der Wahrheit: Wir haben uns, wie man heute sagen würde, gegenseitig geghostet.

Heute weiß ich, dass es keine gemeinsam durchlebte Schulzeit braucht, um ein starkes, langjähriges Band zwischen zwei Menschen zu schaffen. Vielleicht kann ich irgendwann ohne den Stich im Herzen, wie es Nick Howard in seinem Song Can’t be friends so treffend formuliert hat, sagen:

So here is how it ends: I’m sorry, but we can’t be friends.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s