Märchen schreibt die Zeit in des Dichters Kleid

… die Schöne und das Biest.

Es ist mit Abstand eines meiner liebsten Märchen und (neben Der König der Löwen) mein Lieblingsfilm von Disney. Umso mehr freute es mich, als bekannt wurde, dass es, nachdem Disney 1991 eines seiner unvergesslichen Meisterwerke schuf, eine neue Verfilmung geben sollte. Es ist genau diese Liebesgeschichte, die mich schon mein ganzes Leben begleitet. Als Kind sah ich den Zeichentrickfilm, als Jugendliche mehrmals verschiedene Versionen des Musicals. Was vor mehreren tausend Jahren als Volksmärchen begann, wurde von Villeneuve und später von Beaumont aufgegriffen und weltberühmt. Zu oscarprämierten Liedern wird gesungen und getanzt, was der Handlung den bereits bekannten Disney-Charme verleiht. Die Protagonisten stahlen sich einen Platz in meinem Herzen, doch für viele weitere war ebenfalls Platz. Zum Beispiel der selbstsüchtige Gaston und sein Begleiter Lefou, die nicht immer durch Intelligenz auf sich aufmerksam machten. Oder der ideenreiche Kerzenleuchter Lumière und die knauserige Standuhr Von Unruh, deren Freundschaft sich in ihren endlosen Unstimmigkeiten zeigt. Nicht zu vergessen der kleine verspielte Tassilo. All diese Charaktere machen die Geschichte zeitlos und lebendig. Oft fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn unsere häuslichen Gebrauchsgegenstände ein Eigenleben hätten?

Das Lied Beauty and the Beast, damals interpretiert von Celine Dion und Peabo Bryson, lief in der Endlosschleife in meinem CD Player. Dabei träumte ich davon, irgendwann einmal in einem schönen Kleid (es muss nicht unbedingt gelb sein) dazu tanzen zu können. Ariana Grande und John Legend interpretieren den Song in der Neuauflage ebenfalls wundervoll. Auf Celine Dions Stimme muss man dennoch nicht verzichten, denn sie schließt im Abspann mit How Does A Moment Last Forever das Kinoerlebnis auf eine angenehme Weise ab.

Mich konnte diese Neuverfilmung defintiv überzeugen, denn es steckt viel Liebe und Detailarbeit in der Darstellung der bekannten und geliebten Charaktere. Belle, gespielt von Emma Watson, ist genauso wie man es von ihr erwartet: Sie entdeckt gerne Romanwelten, ist weltoffen und urteilt nicht aufgrund von Oberflächlichkeiten. Somit sieht man ihr immer wieder gerne dabei zu, wie sie Gaston mehr als deutlich abserviert und sich ganz langsam in das Biest (grandios verkörpert von Dan Stevens) verliebt.

Und trotzdem gab es schon vor der Veröffentlichung etliche Schlagzeilen, dass der Film in einigen Ländern zensiert werden oder gar nicht erst gezeigt werden soll. Der Grund dafür ist ein klitzekleines Detail, das in der Nebenhandlung erwähnt wird: In der Zeichentrickversion ist Lefou lediglich der Trottel, der hinter Gaston herläuft. Hier wird deutlich, dass Lefou heimlich in Gaston verliebt ist.
Nachdem ich den Film gesehen habe, ist es für mich nur noch unverständlicher, wo das große Problem sein soll. Es gibt mehr oder weniger deutliche Anspielungen, ein paar interpretierbare Blicke, eine etwas zu innige Umarmung. Nichts, was man als dramatisch oder provokant bezeichnen könnte. Wenn man nicht so genau hinschaut, könnte man die meiste Zeit ohne schlechtes Gewissen sagen, dass Lefou ein bisschen zu sehr zu Gaston aufsieht. Mehr ist es nicht, woran man Anstoß nehmen könnte (falls überhaupt!). Dieses Detail macht aus einer eher eindimensionalen Figur einen Charakter mit einer sympathischen und liebenswerten Persönlichkeit. Josh Gad gibt seiner Rolle den Anmut und die Leichtigkeit, etwas bedeutendes zu sein.
Man hätte weitaus „schlimmere“ Möglichkeiten finden können, um zu erklären, warum Lefou so ist wie er ist. Zum Beispiel, dass er lediglich daran interessiert wäre, ein paar von Gastons abgelegten Frauen für sich zu gewinnen oder er aufgrund einer schlechten Kindheit eine Vorbildfunktion in Gaston suche, die ihn erniedrigt. Alles weitaus komplexer und ganz bestimmt weniger kindgerecht als ihn zu einem verliebten Mann zu machen.
Es ist ja nicht so, dass man die Handlung vollkommen neu interpretiert hat, das Biest eigentlich in Gaston verliebt ist und Belle nur entführt hat, um Gaston ins Schloss zu locken. Aber hey… Das wäre vielleicht mal etwas, worüber man in Hollywood nachdenken könnte? Dieser Film würde es dann allerdings erst recht nicht bis nach Russland schaffen.

Es spricht also absolut nichts dagegen, sich auch dieses Mal vom Charme des Klassikers einnehmen und sich verzaubern zu lassen.

How does a moment last forever?
How can a story never die?
It is love we must hold onto
Never easy, but we try
Sometimes our happiness is captured
Somehow, our time and place stand still
Love lives on inside our hearts and always will

Celine Dion – How Does A Moment Last Forever

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3 Gedanken zu “Märchen schreibt die Zeit in des Dichters Kleid

  1. Hallo Lauretta,
    da mache ich doch mal den Anfang hier!

    Ich muss sagen, dass ich absolut kein Kenner von Märchen bin (es hat mich nie so recht interessiert). Und mir deshalb auch gar nicht so sehr bewusst war, worum es dabei ging. Ich habe natürlich den Hype mitbekommen, dass dieser Film erscheinen wird und in einigen Ländern zensiert wird bzw. komplett verboten wurde. Das hat mein Interesse dann doch geweckt. Jetzt lese ich deinen Artikel und frage mich, warum man gerade heutzutage noch so einen Aufriss machen muss. So, wie du es beschreibst, scheint Gaston wirklich ein bezaubernder Kerl zu sein, den ich gerne kennen lernen möchte. Vielleicht öffnet mir das dann auch direkt die Tür zur Märchenwelt und ich kann noch einiges nachholen.

    Liebe Grüße
    Henrik

    Gefällt 1 Person

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