Überall nur noch Fanfiction?

… oder: Wie die Grenzen zwischen literarischer und realer Welt verschwimmen.

In den letzten Wochen habe ich mich öfter gefragt, woher eigentlich die Ideen und die Inspiration vieler Geschichten kommen, die heutzutage geschrieben werden. Dabei ist mir ein Trend aufgefallen, den es in der Form vielleicht erst seit kurzem gibt. Aus Fanfictions, die es noch vor einigen Jahren nur auf Internetplattformen gab, entstehen gedruckte Bücher, die es über die Buchhandlungen bis in die eigenen Regale schaffen. Aus bereits bekannten Figuren oder Personen, die man entweder übernehmen oder charakterlich verändern kann, werden neue Zusammenhänge und Handlungsstränge konstruiert. Am Aussehen der handelnden Personen beziehungsweise ihren prägnanten Merkmalen wird meistens nichts geändert. Pinterest macht es möglich, dass man sich ein noch besseres optisches Bild machen kann. Pins von Schauspielern oder Sängern landen auf den Storyboards, die dem Leser eine genaue Ergänzung geben wie ein beschriebener Charakter zu sein hat. Und das sogar über den eigentlich geschriebenen Text hinaus.

Die Konstruktion einer literarischen Welt

Ich erinnere mich noch gut an die Situation, in der ich in einem Buchladen stand und meine Gesprächspartnerin mir eröffnete, dass die Clockwork-Reihe (Chroniken der Schattenjäger) von Cassandra Clare ursprünglich eine Fanfiction über die Harry Potter Charaktere James und Lily Potter sowie Snape gewesen war. Etwas, womit ich niemals gerechnet hätte, denn auch im Nachhinein betrachtet, weißt nichts darauf hin. Für mich ist die Schattenjäger-Welt eigenständig und ganz weit entfernt von der magischen Welt, die einst Joanne K. Rowling schuf. Anders bei den Romanen Fifty Shades of Grey, worüber ich schon relativ nah am Erscheinungsdatum laß, dass sie auf einer an Twilight angelehnten Idee basieren. Die Parallelen zwischen Christian Grey und Vampir-Edward werden zudem sehr deutlich. Beide Figuren sind sehr ausdrucksstark, eigenwillig, reich und mächtig. Das war’s dann aber auch schon.
Mehr oder wenig ist das alles nicht so problematisch, da der fiktive Charakter, aus dem eine neue Geschichte entsteht, ebenfalls fiktiv ist. Von einer literarischen Welt wird in eine andere gesprungen. (Obwohl man natürlich über die Problematik der Liebesbeziehung von Christian Grey und Anastasia Steel sehr wohl reden muss.)
Für Literaturwissenschaftler ist das wahrscheinlich sogar die perfekte Grundlage, um die Geschichten auf mehreren Ebenen miteinander vergleichen zu können.

Doch dann gibt es noch die After-Reihe von Anna Todd, eine Fanfiction um die Mitglieder von One Direction, bei denen Hardin Scott/Harry Styles die zentrale Rolle einnimmt. Bei der Transformation der Wattpad-Geschichte zur Buchform hat man lediglich die Namen der existierenden Personen geändert.
Durch (Live-)Interviews habe ich den Eindruck gewonnen, dass Anna Todd eine wahnsinnig nette und offene Person ist, mit der man sich gerne mal irgendwo hinsetzen und unterhalten würde. Und hingegen anderer Stimmen, die man im Internet findet, denke ich nicht, dass es ihre Romanreihe nicht geben sollte. Eigentlich ist es sogar ziemlich gut, dass man sie in der Form lesen kann. Nur ist der Umgang mit der beschriebenen Thematik – sicher auch durch die Autorin selbst gesteuert – für mich nicht ganz angemessen. Man muss der Wahrheit mal ins Gesicht sehen: In einer flüssigen, leicht verständlichen Sprache wird durch Tessas Charakter ein Abhängigkeitsverhältnis und eine immer weiter führende Abwärtsspirale beschrieben. Auf über 2000 Seiten erfährt man eindrucksvoll, dass Hardin Scott vielleicht nicht durch und durch ein schlechter Mensch ist – er hat definitiv seine schönen Momente, wenn er beispielsweise über klassische Literatur spricht -, aber nicht in der Lage ist, sich aus eigener Kraft um seiner selbst Willens zu verändern. Viel zu oft fällt er in seine alten Muster zurück oder verspricht Tessa etwas, weil sie es möchte. Er beeinflusst Tessa negativ, sodass sie sich in bestimmten Situationen gegen ihre eigene Überzeugung verhält, nur um Hardin zu provozieren. Für meinen Begriff ist das eine ziemlich ungesunde Beziehung zwischen den beiden. Eigentlich ähnlich der, die man von Christian Grey schon kannte. Doch im Gegensatz zu ihm hat Hardin keine Regeln, an die er sich hält. Er macht Dinge aus einer Laune heraus, ohne darüber nachzudenken oder einfach, weil er nicht anders kann. Jeder seiner guten Entwicklungsschritte wird lediglich gegen Ende zusammengefasst. Der Leser erlebt sie leider nicht mit der Intensität und dem Nachdruck, mit dem der ganze Rest vorher geschildert wurde. So muss der Leser das hinnehmen, weil es einfach so ist. Die Autorin wollte sicherlich die Handlung zu einem Happy End abrunden, nichts anderes hätten ihre Leser lesen wollen. Doch bei mir warf das eigentlich nur noch mehr Fragen auf.

Die After-Reihe: Harry Styles als Hardin Scott

Bad Boys, die das brave Mädchen verführen und daraus eine großen, mit vielen Gefühlen aufgeladenen Handlung entsteht, liegen gerade im Trend. Diese Geschichten werden oft als ehrlich, lebendig und dynamisch beschrieben. Gerne wird man zeitweilig mit den Höhen und Tiefen der lebensnahen Protagonisten unterhalten. Dabei ist es vollkommen okay, wenn die Figuren nicht perfekt sind, auch mal größere Fehler machen, nicht immer die richtigen Dinge sagen, ungerecht und manchmal wütend auf die Welt sind. Das alles sollte jedoch in einem vertretbaren Rahmen bleiben, um wirklich Sympathie mit den Charakteren empfinden zu können.
Schaut man sich nun auf den Blogs oder anderen Plattformen um, hat die After-Reihe eine große Fangemeinde. Alle lieben Hardin!
Hardin ist so toll! Hardin ist so süß! Hardin ist so sexy!
Nein, ist er nicht. Optisch sexy vielleicht, aber darüber hinaus ist er kaputt, besitzergreifend, uneinsichtig und manipulativ.
Ich möchte meinen eigenen Hardin haben.
Nein, wollt ihr nicht – hoffe ich zumindest. Denn Hardin Scott ist nicht Harry Styles. Und das ist der Punkt, der mich eigentlich am meisten beschäftigt.
Christian Grey ist eine literarische Figur, deren Vorbild ebenfalls eine literarische Figur ist. Hardin Scotts Vorbild ist mit Harry Styles eine Person des öffentlichen Lebens, die uns täglich in irgendeiner Form in den Medien begegnen kann. Man hat ein bestimmtes Bild von ihm, was meistens doch weitaus positiver ausfallen dürfte als bei Hardin Scott.  Vor allem, wenn man ein Fan von ihm, der Band oder seiner Musik ist. Diese Vorstellung seiner Person wird nun aus der realen Welt in die fiktionale projiziert und angepasst. Obwohl Hardin Scott einen ganz anderen Charakter hat als Harry Styles wird er durch diesen sehr starken Realitätsbezug nie komplett fiktional sein. Als Projektion eines realen Menschen ist er als Figur viel greifbarer und vielschichtiger. Ein normaler Charakter eines Romans könnte nie so facettenreich abgebildet sein. Das führt letztendlich zu Interpretationen, die über den eigentlichen Text hinausgehen und dafür sorgen, dass (meiner Meinung nach) Hardin Scott sein Happy End mit Tessa bekommt. Man verzeiht seinem literarischen Äquivalent, weil der echte Harry vielleicht niemals so handeln würde.
Die Reaktion auf eine solche Relation kann natürlich auch in die andere Richtung gehen, was dieser Artikel beweist, den ich gefunden habe. Dort beschreibt eine Leserin, dass sich einige aufgrund von Anna Todds Geschichte nicht nur von dieser selbst, sondern auch von dem Sänger distanziert haben. Dabei betont die Autorin immer, dass sie nur eine Geschichte schreiben wollte.
Da liegt die Vermutung nahe, dass eine Verknüpfung von realen und fiktiven Inhalten die Grenzen zwischen beidem verschwimmen lässt und es nicht mehr so leicht zu trennen scheint. Die Buchform macht es zusätzlich schwieriger, denn ein gedrucktes Exemplar gilt nach wie vor glaubhafter als etwas, das sich im Internet finden lässt.
(Damit möchte ich natürlich niemandem zu nahe treten, da es selbstverständlich nicht so sein muss.)

Die literarische Distanz

Wie erklärt man nun den jungen Lesern – egal, ob sie nun 14 oder 20 sind -, was literarische Distanz ist? Diesen einen, aber entscheidenden Unterschied zwischen Dingen, die sich jemand ausgedacht hat und nachweislichen Fakten.
Die Liebe zwischen Tessa und Hardin funktioniert innerhalb der beidem Buchklappen. Im richtigen Leben gäbe es vermutlich unter all den gegebenen Voraussetzungen kein Happy End für die beiden. Denkt man kurz auf einer neutraleren Ebene darüber nach, ist einem das vollkommen klar. Es wird nicht alles von alleine gut und Liebe reicht nicht immer aus. Probleme verschwinden nicht, wenn man nur lange genug wartet.
Zu einem großen Teil geht es hier auch um Verantwortung. Welches Bild von Liebesbeziehungen wird vermittelt? Wieso kommt man zu dem Schluss, dass Hardin Scott der perfekte Freund ist? Selbst wenn man alt und reif genug ist, um all diese Unterscheidungen treffen zu können, muss man sich überlegen, welche Meinung man nach außen vertritt.
Wäre es nicht besser jungen und heranwachsenden Mädchen zu erklären, dass eine Beziehung genau so nicht laufen sollte? Wäre es nicht sinnvoll Jungs in diesem Alter zu vermitteln, dass es absolut falsch ist, eine Frau so zu behandeln? Ist es nicht wichtig, ihnen zu beschreiben, wie gleichberechtigte Beziehungen funktionieren, in denen sich jeder frei entfalten kann? Dass man miteinander lebt und nicht gegeneinander?
Als Negativbeispiel oder als Diskussionsgrundlage würde diese Geschichte also absolut funktionieren. Um zu verstehen, was dahintersteckt, müssen auch derartige Geschichten geschrieben werden. Nur muss man dementsprechend darüber reden.
Das, was man liest, deckt sich nicht immer hundertprozentig mit der Realität und so kann (und muss) Harry Styles seiner buchigen Adaption nicht zu der nötige Reife und Ausgewogenheit verhelfen, um außerhalb der Buchseiten ein vertretbares Beispiel zu sein.


Link zu der Reihe von Anna Todd.

Was denkt ihr über dieses Thema?

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