Ich habe ihn geliebt.

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„Im Endeffekt ist es pure Zeitverschwendung für dich“, sagt ein Freund, dem ich gerade eine aktuelle Situation aus meinem Leben geschildert habe, und widmet mir dabei einen vielsagenden Blick.
„Es ist nicht schlimm, wenn du deine Vorstellungen in Sachen Liebe hast und diese noch nicht erfüllt wurden“, erklärt er weiter, „Es ist auch vollkommen in Ordnung, den Hoffnungen, die er sich macht, nicht nachgeben zu wollen.“
Er hat es auf den Punkt gebracht, denn eigentlich will ich diesen Typen, der derzeit versucht meine Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen, gar nicht. Zumindest nicht so, wie ich jemand anderen mal gewollt hätte.

Die Liebe ist wahrscheinlich das Thema, über das wir mit Bekannten oder besten Freunden am häufigsten sprechen. ‚Wer mit wem‘ dominiert die Klatschspalten der Zeitungen und Internetportale. Eine Datingkolumne eines Lifestylebloggers jagt die nächste, wenn es mal wieder nicht funktioniert hat. Ich habe mit dem Schreiben angefangen, weil ich liebte und schließlich liebte ich das Schreiben. Romane und unendlich viele Texte werden verfasst, um dieses Thema in all seinen Facetten zu ergründen.
Was ist es, das den Unterschied ausmacht zwischen einem Interesse, das möglichweise schnell wieder verschwindet, und dem Verliebt sein?
Wann ist man wirklich verliebt?

Meistens weiß ich, wann ich es nicht bin. Zum Beispiel im Moment, da mich niemand vor die Herausforderung stellt, diese berühmten zwanzig Sekunden lang mutig zu sein. Niemand, der mich dazu bringt, aus meiner Komfortzonen-Blase herauszutreten und mich dem Risko auszusetzen, verletzlich zu sein. Meistens bin ich es nicht, obwohl ich zwar ein Interesse habe, mich aber nicht überwinden kann. Und ganz bestimmt nicht verliebt bin ich, wenn meine Bemühungen zu keiner Reaktion beim anderen führen.
Liebe ist es dann, wenn ich jemanden nicht von mir überzeugen muss, weil er schon überzeugt ist. Wenn niemand sonst mein Interesse wecken kann. Wenn Nähe nichts mehr ausmacht und dem Zweifel jegliche Grundlage fehlt. Wenn er derjenige ist, der mich nicht aufhält, aber bittet wiederzukommen. Verliebt bin ich, wenn er auf die Frage, was ist, wenn sich der Plan meines Lebens plötzlich grundlegend ändert, eine Antwort gibt. Wenn er mich dazu motiviert mehr vom Leben zu wollen als sowieso schon. Wenn es sich so anfühlt, als hätte ich das gefunden, was mir fehlt. Ein ähnliches Gefühl kannte ich mal. Für eine ganz andere Person.

Ich habe ihn geliebt.
Und in vielen Geschichten, die ich schreibe, liegt ein Teil von ihm.

Auch nach all den Jahren weiß ich noch genau, wie es sich anfühlte. Ich mochte dieses anfängliche Kribbeln im Bauch, jedes Mal, wenn ich eine SMS von ihm bekam. Sich kennenzulernen war neu und aufregend. Ich genoss das Gefühl, beachtet zu werden und fühlte mich wohl mit ihm. Es war die Zeit, in der alle anderen mehr über uns nachdachten als wir selbst. Meine Antwort auf fragende Blicke lauetet immer ‚Wir sind nur Freunde.‘. Genau das waren wir, doch über diesen Status sind wir nie hinausgekommen. Wir planten keine gemeinsame Zukunft, verfolgten nicht dasselbe Ziel. Dennoch war er der, der mich nachts um zwei Uhr aus Langeweile anrufen durfte, ohne dass ich ihm diese Freundschaft kündigte. Ich kostete die folgenden Monate aus und schätzte jeden Moment. Wir passten irgendwie zusammen und unsere Gespräche  inspirierten mich, über meinen Tellerrand hinauszuschauen. Er brachte ein bisschen mehr von dem zum Vorschein, was ich mir wünschte. Er glaubte an das, was in mir steckte und sagt heute noch, dass er ein Buch lesen würde, nur weil es von mir ist. Mit jedem weiteren Tag gewöhnte ich mich mehr daran.
Ich habe ihn geliebt. Doch ich habe es nie gesagt – weder ihm, noch anderen, sogar nicht mal mir selbst. Wahrscheinlich hätte es sowieso nichts geändert.

I wish that I could rewrite all the things that we both let go
And I wish that I could just turn back the time and tell you
I wish, I wish
That I told you then what I realise now

Hurts – Wish

Wären er und ich jemand anderes gewesen, vielleicht hätte es dann funktioniert. Mich verunsicherte die Nähe zwischen uns und ich wollte lieber den damaligen Zustand behalten. Einfach nicht den nächsten Schritt wagen. Außerdem stellte sich heraus, dass wir komplett andere Vorstellungen von unserem zukünftigen Leben hatten. Wir waren einfach nicht füreinander, was wir suchten. Auch nicht, wenn ich mir damals schon eingestanden hätte, dass ich es gerne gewesen wäre.
Mit der Nachricht, er habe jetzt eine Freundin und sei glücklich, verschwand dann schließlich die Wolke, auf der ich so lange gesessen hatte. Damit zerbrach ein kleines Stückchen meines Herzens. Doch egal wie weh es tat, auf diesen Freund zu verzichten, musste ich ihn ziehen lassen. Im Nachhinein war es sogar besser, dass er nicht meine Zukunft geworden ist, denn er hätte mich nicht glücklich machen können. Ich wünsche ihm, dass er irgendwann dort ankommt, wo er immer hinwollte und die Frau trifft, die er ohne wenn und aber wirklich liebt. Ich müsste lügen, würde ich nicht auf den Tag warten, an dem er mir von ihr erzählt.
Zwar ist er niemand, der meine Gegenwart ausmacht, aber er hat meine Vergangenheit geprägt und wahrscheinlich, ohne es zu wissen, einen großen Teil dazu beitragen, dass ich die Worte für meine Texte finde, die ich brauche.

Für den aktuellen Moment bedeutet es allerdings nur eins: Solange es sich nicht mindestens genau so anfühlt wie damals bei ihm, bin ich wohl nicht richtig verliebt.

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2 Gedanken zu “Ich habe ihn geliebt.

  1. Hallo Lauretta,

    ich liebe es, dass deine Texte immer wieder eine solche Leichtigkeit mit sich bringen, egal wie das Thema gerade ist. Es gibt immer etwas, dass ich deinen Texten entnehmen kann und worüber ich nachdenken muss. Ein Satz fühlte sich dabei ganz besonders wahrhaftig an: „Wenn es sich so anfühlt, als hätte ich das gefunden, was mir fehlt.“ Jetzt, da ich es gelesen habe, sehe ich das irgendwie auch so. Es ergänzt sich und es füllt eine Lücke, genauso wie es eine Lücke hinterlässt, wenn der Mensch wieder fort ist. Es fehlt dann immer ein Teil, der auch nie wieder richtig zurückkehrt. Alles was bleibt ist die Erinnerung und ein Gefühl.

    Liebe Grüße
    Henrik

    Gefällt 1 Person

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