Es riecht nach Regen.

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Foto von Nora Janine Strupp

oder: Ich gehe, um wiederzukommen. Part II

„Hör dem Mann zu!“, sagte meine beste Freundin während des Konzerts und sah mich dabei eindringlich an. Das tat sie immer bei einem dieser Lieder, deren Aussage war, dass man an sich selbst glauben solle. Mir kam es vage bekannt vor. Aber es war jemand völlig unbekanntes, der es dieses Mal erzählte.
KrisKraus sang von rollenden Steinen und dass man derjenige sein könnte, auf den es ankäme. In diesem Moment hat mein Herz endlich wieder etwas verstanden.

Heute ist einer dieser Tage, an denen man die Stunden nutzen kann, um abzuschalten. Ich öffne das Fenster und es riecht nach Regen. Beruhigend monoton prasselt er auf die Straße. Am Bordstein bildet sich ein kleines Rinnsal, das sich einen Weg bis zum nächsten Abfluss sucht. Ich stelle mir immer gerne vor, dass vom Regen alles, was man nicht mehr braucht, – auch ein schlechter Gedanke – einfach weggespült wird. Das trommelnde Geräusch vermischt sich fließend mit dem Rhythmus einzelner Titel der Playlist, die ich leise im Hintergrund laufen lasse. Die dadurch entstehende, gemeinsame Melodie ist das Einzige, das ich bewusst wahrnehme. Ansonsten kommt mir alles wahnsinnig still vor, was ich durch die letzten, ereignisreichen Tage fast gar nicht mehr gewohnt bin. Trotz der melancholischen Szenerie bin ich alles andere als traurig. Nicht mehr.
Meine Gedanken hängen noch diesem Lied nach, an dessen exakte Worte ich mich absolut nicht erinnern kann. Liebend gerne würde ich es nochmal anhören, kann es aber nicht finden. (Auf Live Videos auf Youtube ist in diesen Fall auch kein Verlass.) Trotzdem lässt es mich nicht los, weil es in mir etwas verändert hat.

Die Musik ist keine abgetragene Jacke, die man zurück in den Schrank hängt und schließlich doch im Mülleimer landet. Musik ist für mich auch keine Entscheidung, die zu treffen wäre – dafür oder dagegen. Schließlich sang ich bereits als Vierjährige beim Haare kämen zu Gittes ‚Ich will nen Cowboy als Mann‘ falsche Töne. Und hätte ich Ed Sheerans ‚I See Fire‘ nie gehört, wäre dieser Blog, in dem ich nun meine Gedanken aufschreibe, mit großer Wahrscheinlichkeit nie entstanden. Mit der Musik zu leben, mich an Orte aus meiner Fantasie tragen zu lassen und die Musik zu verstehen, musste mir niemand beibringen. Lernen musste ich nur, damit richtig umzugehen, um wieder Gefühle zuzulassen, die ich bereits vergessen glaubte. Sie ist ein Teil von mir, nur eben nicht alles.

Ich will nur, dass du weißt: Ich hab dich immer noch lieb.
Und das es am Ende auch keine Andere gibt,
die mich so vollendet,
die mich so bewegt.

Philipp Poisel – Ich will nur

Nachdem ich vor etwas über einem Jahr beschlossen habe, viel öfter nein zu sagen, ist nun die Liebe zurückgekehrt. Einfach so, als ich am wenigsten damit rechnete. Und mit ihr das Gefühl, dass Musik wieder mehr sein kann. Einen aufschlussreichen April, der drei sehr unterschiedliche Konzerterlebnisse mit sich brachte, später kann ich sagen: Aus Konzerten wurden Musikliebemomente und das fühlt sich gut an. Meine Inspiration aus einer Live-Performance zu schöpfen, ist wieder möglich. Nicht umsonst sind unzählige Ideen für meine Texte entstanden, während Max Giesinger auf der Bühne eines seiner Lieder zum besten gab.
Nie war mir der entscheidende Unterschied, Musik zu hören oder sich komplett darauf einzulassen, bewusster. Das bedeutet allerdings auch, dass man von etwas, das einen glücklich macht, genauso gut verletzt werden kann. Aus beidem kann dennoch etwas Gutes entstehen.
Für diese Erkenntnis hätte es womöglich die ganze Zeit nur einen Moment mit Philipp Poisel und ein Besuch in der kleinen Lieblingslocation gebraucht. Vielleicht musste ich auch auf diesen einen Musiker aus Berlin warten, der mich daran erinnerte, dass es sich lohnt, etwas zu finden, was man gar nicht mehr suchen wollte.
Während es in meinem Zimmer immer noch nach dem Regen riecht, merke ich, dass etwas Neues beginnt.


Worum es eigentlich geht: Ich gehe, um wiederzukommen.

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2 Gedanken zu “Es riecht nach Regen.

  1. Hallo Lauretta,

    ich hatte bisher noch keinen Lieblingstext auf deinem Blog. Mit diesem Text wäre der Titel somit vergeben. Er gibt mir ein so schönes und positives Gefühl von Musik und von dem, was es bedeuten kann. Es ist schön zu lesen, dass du aus deinen Konzertbesuche solche Inspiration geschöpft hast. Der Text strahlt förmlich, wie das Bild dazu. Ich liebe diesem Text.

    Liebe Grüße
    Henrik

    Gefällt 1 Person

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