Als Internetseiten noch rein statisch waren

Hello Friend

Liebe Annie,

deine letzte Kolumne ergänzt sich mit meinem Text, der damals dazu führte, dass wir mit diesen Briefen begannen. Manchmal treffen wir Entscheidungen, ohne zu wissen, wohin sie uns eigentlich führen. Damals hatte ich tatsächlich ein bisschen Angst davor, dass sich zwischen uns einiges ändern könnte, würde ich einen Schritt zurückgehen – oder besser gesagt, einen Schritt weg von dem, was uns verbindet. Doch du bist diesen Schritt ohne langes Überlegen einfach mitgegangen. Dadurch wurde mir wieder einmal bewusst, dass eine beste Freundin zu haben, mehr bedeutet als nur das gleiche Hobby zu teilen. Dort, wo du bist, wird man auch mich finden.
Es hat mich sehr berührt, denn wir hatten damals wirklich sehr viel Spaß. Andererseits haben wir uns in den ganzen Jahren, die mittlerweile dazwischenliegen, verändert, sodass wir vielleicht gar nicht mehr zu der damaligen Umgebung passen würden. Falls also Hermine mal mit ihrem Zeitumkehrer vorbeikommt, wäre es vielleicht besser, einfach im Jetzt zu bleiben und die Abenteuer zu erleben, die noch auf uns warten.

Trotzdem war auch ich in der letzten Woche ein kleines bisschen nostalgisch veranlagt, denn ich habe mein CD Regal nach meiner ersten selbst gekauften CD durchsucht. Beim Anblick der vielen alten Scheiben, auf die man meine damaligen Lieblingsstücke gepresst hat, kamen mir Erinnerungen, die schon extrem lange zurückliegen. Früher war es quasi eine Auszeichnung eines dieser Alben zu besitzen. Kann man heutzutage, im Zeitalter der Streaming Dienste, überhaupt noch jemanden damit beeindrucken, dass man dieses eine Album eines bestimmten Künstlers hat? Früher gab es den Zugang zu all den vielen Liedern gar nicht, sodass man seinen Musikgeschmack über den Besitz dieser definierte.
Schlussendlich fand ich das Album der Boy Band, die sich damals (2002) für ein knappes Jahr endlos in meinem CD Player oder Discman drehte. Ich mochte jeden dieser komplett weiß gekleideten Typen, die einem immer noch auf dem Cover vor einem gelben Hintergrund entgegenlächeln, auf ihre eigene Weise. (Du weißt, wen ich meine, oder?) Jeder verkörperte eine andere Persönlichkeit, aber sie sangen gemeinsam hingebungsvoll davon, wie sie ein Mädchen lieben würden. Also genau das, was man damals mit 14 hören wollte und auf die Begegnung mit einem Jungen, der es verstehen und anwenden konnte, hoffte. Allein das sollte als Daseinsberechtigung für mindestens eine Boy Band in jeder Generation ausreichen. Irgendein massentaugliches Format muss retten, was zu retten ist, wenn die Jugendliteratur teilweise versagt und Bad Boys kreiert, bei denen es die jungen Protagonistinnen vollkommen okay finden, wenn sie von ihnen schlecht behandelt werden.
Aber zurück zum eigentlichen Thema. Meine Teenagerjahre befanden sich in einer Zeit, in der ein kleiner roter, sehr elastischer Ball über den Bildschirm huschte, um uns das digitale Schreibprogramm zu erklären, obwohl die ersten Erfahrungen damit schon lange zurücklagen. In einer späteren Version wurde er durch eine besserwisserische Büroklammer ersetzt, die immer dann einen Tipp parat hatte, wenn man gerade keinen brauchte – oder einen anderen. Man musste sich noch ins Internet einwählen, was eine gefühlte Ewigkeit dauerte und ein Vermögen kostete. Man nutzte diese unendlichen Weiten an Information und Wissen zur Recherche für Schulreferate und trennte die Verbindung schneller wieder als man sich über all die Möglichkeiten bewusst werden konnte. Man hatte nur diese eine Leitung, sodass niemand sonst im Haushalt telefonieren oder angerufen werden konnte. Damals programmierten wir im Unterricht erste Internetseiten. Die waren von allem eins: schrill und mit viel Glitzer. Wir waren stolz auf das, worüber heutige Programmierer nur noch fassungslos den Kopf schütteln.
Als ich über diese Zeit vor MySpace, Facebook, Twitter und Instagram nachdachte, fiel mir auf, wie wenig ich über die Bandmitglieder, deren CD ich in meinen Händen hielt, eigentlich wusste. Und wie egal mir das letztendlich war.
Im Booklet der CD befindet sich ein Steckbrief zu jedem der fünf Jungs mit ungefähr vier Fakten über jeden – Name und Alter eingeschlossen. (Dadurch fand ich heraus, dass der, für den ich immer geschwärmt hatte, gar nicht, wie ich angenommen hatte, der jüngste war, sondern der zweitälteste. Ich war doch etwas schockiert.) Informationen, die darüber hinaus gingen, bekam man nur durch ein paar Interviews in Bravo-ähnlichen Formaten. Wenn sie also nicht gerade eine Doku-Soap über ihr Leben drehten, musste man darauf hoffen, dass sie für die Presse in Erscheinung traten. Im Vergleich zu dem, was man heute über die Mitglieder einer Band herauszufinden kann, war das also absolut nichts. Man bekam nicht schon morgens ein perfekt in Szene gesetztes Bild des Frühstückstellers oder ein After Bed Selfie. Es war definitiv kein tägliches Liveupdate im Sekundentakt möglich.Da war meistens nur die Musik, die einen weckte.
Während ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob das dieser ‚Früher war alles besser‘-Gedanke ist, von dem alle immer sprechen? Dabei würde ich gar nicht sagen, dass es besser war, nur anders. Das einzige, was ich zu bedenken geben würde, wäre, ob man bei so viel Zusatzinformation um eine bestimmte Person nicht ein bisschen die Musik vergisst, um die es eigentlich geht?

Ach, was ich abschließend noch als Ergänzung zu deiner kleinen Retroreise zu sagen habe:


Es grüßt dich
Lauretta


Letzte Woche hat sich Annie mit der Musik versöhnt. Wie es dazu gekommen ist, erfahrt ihr in der letzten Hello Friend-Kolumne auf ihrem Blog!

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Ein Gedanke zu “Als Internetseiten noch rein statisch waren

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