Als ich kein Fan sein wollte

Hello Friend

Liebe Annie,

Taylor Swift is back on Spotify! Das war die dominierende News meiner Twitter Timeline, die ich nur mit mäßigem Interesse überscrollte. Mir hat sie auf dieser großen Musikparty noch nie gefehlt, aber für alle, die sie dort vermisst haben, ist das selbstverständlich etwas erfreuliches. Ich hingegen höre inzwischen lieber das aktuelle Soloalbum von Harry Styles. 
Ursprünglich wollte ich das gar nicht, das Radio hören im Auto ist mal wieder Schuld. Dort hörte ich nämlich zufällig ein Nach-der-Teenie-Star-Karriere-Plädoyer eines Moderators, das er mit folgenden Worten abschloss: „Liebe Teenie Stars, wenn Harry Styles es geschafft hat, nach dieser Karriere etwas anständiges zu machen, schafft ihr das auch.“ Im Anschluss daran spielte er Sign of the Times, was ich gar nicht so schlecht fand. Überraschend gut sogar. Mich persönlich erinnert es allgemein an die großen 90er-Rockballaden von Aerosmith und der Stil des Refrains leicht an die hingebungsvolle Stimme von Sinead O’Connor bei Nothings Compares. Wobei die Erfahrung zeigt, dass ich die einzige bin, die meine musikalischen Referenzen wirklich nachvollziehen kann. Musikjournalisten schreiben dem kompletten Album den Einfluss von David Bowie und anderen großen Künstlern, die die Musikwelt prägten, zu – darauf kann man sich eventuell mehr verlassen. Die Songs fügen sich angenehm zu einem Popalbum mit vielen alten, rockigen Elementen, die ich zumindest länger schon nicht mehr gehört habe, zusammen. Insgesamt finde ich es überraschend und sehr gelungen. Es bleibt allerdings abzuwarten, was sich daraus noch entwickeln kann. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall!

Nachgedacht habe ich über die Tatsache, dass ich das Wort Fan nicht mag und das gar nicht so leicht zu erklären ist. Schließlich habe ich überhaupt kein Problem zu sagen „Ich bin ein Fan der Musik von Tim Bendzko.“, während „Ich bin ein Fan von Tim Bendzko.“ (als Person) niemals über meine Lippen kommen würde. Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Bewusst wurde mir das, als ein Freund mir das Tourplakat einer Band schickte und fragte, ob ich hingehen würde. Als ich verneinte, fragte er sofort, ob ich nicht ein riesen großer Fan von ihnen gewesen wäre. Nein, war ich nicht, aber ich mochte sie als Menschen und ihre Musik hat einen meiner Festivalsommer maßgeblich begleitet. Das war es dann aber auch schon. Und doch ist das vielleicht mehr als das Wort Fan für mich aussagen würde.
Doch woran liegt das, dass ich mich selbst nicht als Fan ansehen kann? Wirklich konkret kann ich das gar nicht beantworten.
Vielleicht, wegen der Tatsache, dass der Wortursprung bei Fanatiker liegt und ich alles andere tue, als irgendjemandem hinterherzurennen.
Vielleicht, weil ich nicht die bin, deren Zimmerwände mit Plakaten tapeziert sind. In Wahrheit ziert kein einziges Poster meine Wand oder das ist in der Vergangenheit nur in seltenen Fällen vorgekommen.
Vielleicht, da das Wort so klingt, als würde ich alles über jemanden wissen oder herausfinden wollen. Gerade bei Schauspielern weiß ich oft nur, wie sie aussehen und habe ein grobes Alter im Kopf.
Vielleicht, weil mir manchmal komplett egal ist, wer der Mensch ist, der ein Lied singt, das mir gerade in diesem Moment gefällt.
Vielleicht, weil für mich Persönlichkeit und das künstlerische Erschaffen von etwas teilweise unterschiedlich sind; obwohl es meistens einander bedingen. So sind Meinungen, die ein Autor in ein Buch schreibt, nicht immer gleich seine eigenen.
Vielleicht, weil ich nicht pauschal alles gut finde, was eine Person macht oder sagt.
Vielleicht, weil der Grund, warum ich das künstlerische Resultat mag, viel mehr mit mir zu tun hat als mit dem Künstler oder ihm gefallen zu wollen.
Vielleicht, da das Fan sein irgendwie nicht meinem Charakter entspricht.
(Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich sage nicht, dass Fans genau so sind oder möchte es kritisieren, falls es so ist.)
Etwas besser veranschaulichen kann ich es möglicherweise mit der Aussage von Jamie Campbell Bower, die er in diesem Interview getroffen hat: „You want to go stand around? Go see Ed Sheeran.„. Die Frage war, von welcher Atmosphäre man bei den Auftritten seiner Band ausgehen könne.
Lieber Jamie, warum das denn?, war mein erster, und letztendlich einziger Gedanke darauf. Ich kann mir doch selbst aussuchen, auf welchen Konzert ich tanzen möchte und auf welchem nicht. Eventuell ist es ein Prozess, aber irgendwann in den letzten Jahren habe ich realisiert, dass ich Dinge mache, weil ich es selbst möchte. Ein Konzert erlebe ich im Kreise meiner Freunde und mit der Band – nicht für die Band. Wenn ich also lieber am Rand stehen und zusehen möchte, ist das vollkommen okay. Ob leise oder laut, ich bin da, weil es mir gefällt – es ist meine Entscheidung. Mitreißen lassen kann man sich auch ganz still.
Natürlich wird im Kontext deutlich, dass Jamie niemanden von seinen Konzerten vertreiben möchte (hoffe ich zumindest) und es ist vollkommen klar, dass die Stimmung eines Konzerts nicht ausschließlich davon lebt, dass jeder bewegungslos in der Ecke steht. Denn Begeisterung für die gebotene Musik zeigt sich nicht immer nur in enthusiastischen Klatschen, sondern in der Bewegung miteinander. Aber es bleibt dennoch jedem selbst überlassen, welche Variante er für sich wählt. (Man sollte sich nur nicht in eine tanzende Mensche stellen, wenn man das nicht möchte.) Solange es keine fremden Persönlichkeitskreise verletzt, kann man sich ganz seinem eigenen Charakter entsprechend verhalten. Am Ende läuft nämlich genau das auf ein schönes Miteinander hinaus.
Auf was ich hinauswill, ist, dass ich Jamie Campbell als Schauspieler und Musiker mag, mir jedes weitere seiner Projekte gerne anschaue und ihn als Mensch eigentlich ganz sympathisch finde. Trotzdem muss ich nicht jede seiner Aussagen unterstützen oder der gleichen Meinung sein. Ich bin kein Fan von ihm oder irgendjemand anderem.

Einen letzten Ausflug habe ich diese Woche in Mona Kastens fiktives Woodshill aus der Again-Reihe gemacht. Neben all den anderen Paaren der beiden vorangegangenen Bände hatten Sawyer und Isaac in Feel Again für mich die schönste Geschichte mit der greifbarsten Aussage. Nämlich: Finde das Besondere, wo kein anderer es sieht.
Beide Charaktere sind rundum sympathisch, haben Stärken und Schwächen, die ihnen bewusst sind. Sie stehen sich auf einer Ebene gegenüber und sind fern von diesem übertriebenen „Oh mein Gott, er/sie ist so toll“-Getue. Sie sprechen ihre Probleme offen an und machen kein extrem großes Geheimnis um ihre Vergangenheiten. Trotzdem geht der Handlung keine Spannung verloren und man folgt ihnen gerne durch ihre Höhen und Tiefen. Von Sawyer und Isaac hätte ich gerne noch ein bisschen mehr gelesen. In gewisser Weise ist es ein perfekter Mix zwischen dem süßen Liebesroman, den es vor der New Adult-Welle gab und eben dieser. Ich mag’s!

Ich wünsche dir einen schönen, nicht zu anstrengenden Sonntag.
Lauretta


Ihr wollt wissen, an wen ich in regelmäßigen Abständen diese Briefe schreibe und ob es eine Antwort darauf gibt?
Schaut auf dem Blog der wundervollen Annie vorbei!

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Ein Gedanke zu “Als ich kein Fan sein wollte

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